SINEE Cast · Folge 14
Tracks abmischen: warum deine Ohren wichtiger sind als jedes Plugin
Du kaufst Plugin um Plugin, hörst deinen Track tot und weißt trotzdem nicht, ob er besser wird? Tobias Schwarz hat mein Album und zwei EPs abgemischt und unterrichtet bei uns im EMP. Im SINEE Cast reden wir darüber, wie du Tracks abmischen lernst, ohne dich von Gear und großen Namen verrückt machen zu lassen.
Tobi ist ein guter Freund und eines der härtesten Arbeitstiere, die ich kenne. Wir saßen hier teilweise 14 Stunden im Studio, und erst später stellte sich heraus, dass sein angeblicher Schnupfen Corona war. Heute arbeitet er als Mixing und Mastering Engineer, betreibt mit seinem Partner Jens das RAMA Tonstudio in Mannheim und hostet bei uns die Live-Calls im Electronic Music Production Kurs.
Vom Praktikum zum Mixing Engineer
Angefangen hat es mit neun Jahren und VHS-Kassetten von Metallica. Nach der SAE in Köln wurde Tobi für vier Wochen ins Studio 301 von Uli Pallemans empfohlen. Daraus wurde ein Jahr, unter anderem mit Revolverheld, den Höhnern und einer Nachtsession mit Ryan Tedder von OneRepublic, der mit zwei Dosen Red Bull kam und sich als Erstes für die Nachtschicht entschuldigte.
Trotzdem wollte Tobi da raus. Auf diesem Level bringen die Künstler oft eigene Produzenten mit, und du drehst drei Kilohertz rein, wenn dir jemand das sagt. Oder wie ich es im Gespräch genannt habe: Du bist ein Plug-in. Bei Praktika hat Tobi eine klare Meinung, mit der er sich nicht nur Freunde macht: Wer in einem laufenden Studio lernt, kostet erst einmal Zeit. Geld sollte am Anfang nicht der Antrieb sein. Ich sehe das nur zum Teil so, denn von irgendetwas muss man leben. Dass die Praxis mehr zählt als das Zeugnis, da sind wir uns einig.

Mische nichts, was du nicht magst
Tobi hat einmal eine gut bezahlte Platte angenommen, obwohl ihm die Musik nicht gefiel. Beim Mischen hörst du einen Song aber 100 Mal. Seitdem arbeitet er nur noch an Musik, in der er etwas findet, und das aus gutem Grund: Ohne Zugang zur Musik kannst du kaum bewerten, ob sie gut klingt.
Da kann kein Geld der Welt genug sein, das ist Selbstgeiselung. Tobias Schwarz im SINEE Cast #14
Auch zu viel von der richtigen Musik schlägt irgendwann durch. Von 2015 bis 2019 mischte Tobi fast nur Metal der extremen Sorte, nach einer erfolgreichen Funeral-Doom-Platte. Kaffee, Play, und um neun Uhr morgens kommt der Höhlentroll aus den Boxen. Heute macht er Techno, Schranz, Metal, Hip-Hop und Jazz. Fürs Budget gibt es Pakete: Quick and Dirty schafft zwei bis drei Rock-Songs am Tag, ausproduziert plant er einen Tag pro Song. Einmal mischte er ein Album drei Monate lang, um zu erfahren, ob ein Mix möglich ist, an dem er nichts mehr ändern will. Wirtschaftlich war das nicht.
Analog macht dich nicht besser
Analog macht dich nicht automatisch zu einem besseren Produzenten. Tobias Schwarz im SINEE Cast #14
Dabei steht bei Tobi ein Mischpult. Analog nimmt dir Arbeit ab: Fährst du die Fader bis in den roten Bereich, klebt der Ausgangsübertrager das Signal schon etwas zusammen und die Höhen rollen ab. Digital brauchst du für denselben Move vielleicht vier Plugins, und mit jedem weiteren Regler werden die Entscheidungen schwerer. Sein Ziel ist aber, dass du eine Produktion in the box und eine analoge am Ende nicht auseinanderhältst. Nur wenige Kisten sind für ihn schwer zu ersetzen, etwa sein Dynacord VRS 23, das analoge Delay.
Spannend ist sein Ablauf. Er fängt immer in the box an: Levels, Phasenlage, Panorama. Dann schickt er den Mix übers Pult und nimmt ihn als Print wieder auf. Vorher prüft er jeden Kanal, damit kein Pegel verloren geht, denn lauter finden wir automatisch besser. Dann vergleicht er pegelgleich. Weil Transienten, Sub und Höhen dabei leicht leiden, bleibt er manchmal einfach in the box, zuletzt beim Album von Cortex mit seinen fetten Bässen. Wie das in der Praxis aussieht, zeigen wir in meiner Online Masterclass.

So schulst du dein Gehör
Mich hat bei unserer Arbeit am meisten beeindruckt, was Tobi hört und wie schnell er entscheidet. Du kannst dir einen Kompressor für 10.000 Euro kaufen, ohne geschulte Ohren bringt er dir wenig.
Hört auf, Geld für Plugins auszugeben. Tobias Schwarz im SINEE Cast #14
Workflow-Plugins nimmt er ausdrücklich aus, den zehnten Röhren-EQ nicht. Zuerst kommt die Abhörsituation. Tobi selbst mischte anfangs in einem unbehandelten Raum auf KRK Rokit 8, hörte den Mix auf der Stereoanlage und im Auto und kringelte Fehler auf einem Notizblock an. Die versuchte er dann auf Boxen zu korrigieren, auf denen er sie gar nicht hörte. Wer das Thema vertiefen will: In der Folge mit Dennis Busch geht es nur um Raumakustik.
Danach kommen Hörübungen:
- Einzelne Elemente hören: Nimm einen Track, den du magst, und frag dich: Wie finde ich die Kick? Wie steht sie zur Hi-Hat?
- EQs vergleichen: Nimm fünf EQs, booste mit jedem dieselbe Frequenz gleich stark, zum Beispiel 2 dB bei 2 kHz, und vergleiche. So entsteht dein eigener Werkzeugkoffer.
- Blinder Bypass: Stell ein Plugin ein, leg die Maus auf den Bypass, schließ die Augen und klicke, bis du nicht mehr weißt, was an und was aus ist. Dann entscheide dich.
Der blinde Bypass ist einer der besten Tipps, die ich von Tobi bekommen habe. Meine Ergänzung: Hörst du keinen Unterschied, fliegt das Plugin raus. Klingt es besser, bleibt es, und du grübelst nicht weiter. So fliegt auch mal eine Einstellung raus, an der du zehn Minuten geschraubt hast.

Wann ist ein Mix fertig?
Davon, dass du einen Track 1.000 Mal hörst, wird er nicht besser. Irgendwann triffst du Entscheidungen nur noch, damit er wieder interessant klingt, und überlädst ihn.
Ihr fangt dann irgendwann an, Dinge zu boosten, weil euer Gehör gelangweilt ist. Tobias Schwarz im SINEE Cast #14
Tobis Gegenmittel ist der Vergleich. Lege dir fünf Referenztracks zurecht, die du gut kennst, und schalte auf gleicher Lautstärke immer wieder um. Hast du 15 Synths im Track und deine Referenz nur drei, ist der Fehler gefunden. Und wenn gerade etwas richtig gut funktioniert, etwa Kick und Bass, exportiere diesen Stand als Speicherpunkt. Dann kannst du später nachhören, ob du es wirklich besser gemacht hast. Ich achte zusätzlich darauf, nicht nur nach Fehlern zu suchen, sondern auch zu hören, was am Track schon gut ist.
Fazit: Am Ende zählt, was aus den Boxen kommt
Es wird nie jemand deine Musik hören und sich über den LA-2A auf dem Bass freuen. Auf welchem Weg du zu deinem Sound kommst, ist egal, solange du dich auf deine Ohren verlassen kannst. Genau das übt Tobi mit den Teilnehmern: Im EMP in der Pro-Variante hostet er zwei- bis dreimal im Monat Live-Calls und vergleicht dort Plugins und Techniken.
Und eine Frage an dich: Brauchen wir im Cast ständig neue Gäste, oder soll ich öfter mit Leuten wie Tobi oder Robert ein Thema vertiefen? Schreib es unter das Video.