SINEE Cast · Folge 13
VST Plugins mit KI bauen: was an einem Abend geht und was Monate dauert
Du hast eine Idee für ein Plugin, aber keinen Entwickler, kein Budget und keine Ahnung von C++? Mit KI steht der erste Prototyp heute in Minuten. Robert Babicz und ich bauen beide VST Plugins mit KI und reden im SINEE Cast darüber, was dabei wirklich schnell geht, was immer noch Monate dauert und warum am Ende die Ohren entscheiden.
Robert war im April schon einmal zu Gast. Diesmal ist es kein Interview, sondern ein Talk zwischen zwei Leuten, die gerade mehr Zeit mit KI-Agenten verbringen als mit dem Sequencer. Und bevor jemand die Tastatur zückt: Es geht nicht darum, Musik von einer KI machen zu lassen, sondern um Werkzeuge, die wir uns als Musiker selbst bauen. Die Kritik an KI ist oft berechtigt, wir reden bewusst über Chancen. Robert fühlt sich an Anfang der 90er erinnert, als Techno losging.
Prototyp an einem Abend, Produkt in Monaten
Aufhänger war ein Post aus dem Forum von JUCE, dem Code-Framework, mit dem sehr viele Plugin-Hersteller arbeiten. Ein Mixing-Engineer schrieb dort, er sei kein Programmierer und habe sein erstes VST3 nach zwei Tagen fertig gehabt. Am längsten dauerte danach die Notarisierung bei Apple.
Mir ging es ähnlich. Kikzilla 2 stand zwei Jahre bei einem Entwickler auf der Uhr, ohne echte Ergebnisse. Ein Jahr davor kam ich beim eigenen C++ kaum aus der Schleife von Compiler-Fehlern heraus. Mit KI hatte ich mein erstes ladbares VST an einem einzigen Abend. Releasefähig war es nicht, denn Plugin und Produkt sind zwei verschiedene Paar Schuhe.
Robert hat vor gut zwei Monaten angefangen, angefixt von mir und von seinem Sohn. Sein Befund: Jeder kann heute mit ein paar Zeilen ein funktionierendes Plugin bauen lassen. Wer „mach mir ein Delay mit Filter“ schreibt, bekommt nach Minuten ein generisches Delay, nur braucht das niemand, weil die DAW es längst kann.
Die eigentliche Zeit kosten danach Feinarbeit, Oberfläche, Betatest, CPU-Last, Installer und Lizenzierung. Früher hieß eine Idee aber vor allem: Entwickler suchen, drei, vier Monate warten, und die ersten 40.000 Euro sind weg, bevor der Prototyp steht.
Für meine Plugins Kikzilla 2 mit Kikzilla Lite und Noisquito habe ich das einmal durchrechnen lassen, mit Installer, Lizenzierung, 14 Farbschemas, animiertem Maskottchen und Produktseite.
Da ist man irgendwo bei 1.200 bis 1.500 Entwicklerstunden, das sind mal eben 100.000 bis 120.000 Euro. Und dann hast du nur das Produkt. Du hast noch kein Marketing, du hast noch nicht einen Cent verdient. Björn Torwellen im SINEE Cast #13

Begrenzt nur durch die eigenen Ideen
Für Robert ist der Prototyp nicht das Ziel, sondern der Start einer Reise.
Du bist nur noch begrenzt durch die Art und Weise, wie du denkst und was du denkst. Robert Babicz im SINEE Cast #13
Sein Beispiel ist eine Ambient-App, die er nur für sich gebaut hat. Sie springt alle 60 Sekunden zur nächsten Webcam der Welt, die gerade mit Ton streamt, und legt diesen Ton in einen Granular-Loop mit Feedback-Schleife. Moduliert wird das von frei zugänglichen Sensordaten: Sonnenwind, Erdbebensensoren und eine Boje im Atlantik, die Wellengang und Wind misst. Daraus hat Robert LFOs gebaut, die gemittelt in den Sound eingreifen.
Werkzeuge kamen bisher fast immer von Entwicklern, die einen anderen Blick haben als jemand, der seit Jahrzehnten Musik macht. Robert hatte vor Jahren eine Plugin-Idee bei einer großen Firma vorgestellt. Antwort: nicht wirtschaftlich. Ein paar Jahre später kam so ein Tool heraus und steckt heute in fast jeder DAW. Solche Ideen setzen Musiker jetzt selbst um.

Roberts Studio im Plugin: Preamps im neuronalen Netz
Roberts erstes Tool löst ein Reiseproblem: Im Hotel oder Flugzeug fehlt ihm der Sound seines Studios. Im Mixdown nutzt er Mikrofon-Preamps als Textur und Klangbasis. Vor rund zwei Monaten fand er einen Open-Source-Kernel für Machine Learning, eigentlich für Gitarren-Amps gedacht, ähnlich dem Prinzip, das man vom Kemper kennt.
Ein KI-Agent schickte Testsignale durch Roberts Hardware, etwa seine API 512c, und durch ein neuronales Netz, verglich beides und trainierte weiter, bis kaum noch ein Unterschied messbar war. Für alle Preamps hat das samt Aufsetzen knapp zwei Wochen gedauert.
Dann kam der Master-Bus dazu und eine Erinnerung an einen Techniker von vor 20 Jahren: Das Netzteil eines Analogpults ist entscheidend. Jeder Kanal, der arbeitet, zieht Strom, und das Netzteil liefert nicht sofort nach. „Wenn ein Mischpult richtig am Arbeiten ist, atmet das Pult“, sagt Robert. Keine echte Kompression, aber etwas Ähnliches. Die Preamp-Plugins auf den Spuren sprechen mit dem Plugin auf dem Master-Bus, das nicht summiert, sondern steuert, wie schnell die Preamps ihren Strom bekommen.
Bis zum Produkt war es trotzdem ein langer Weg: Betatest, Performance-Probleme, anderes Verhalten auf Intel- und AMD-Prozessoren. Die erste Oberfläche habe ich mit einem Satz kommentiert: „Robert, das sieht aus wie ChatGPT.“ Die Lösung kam über Blender. Weil das neuronale Netz in Echtzeit rechnet, braucht das Plugin ordentlich CPU. Robert nimmt das in Kauf, viele Plugins tun für ihn nur so als ob. Erscheinen wird es über SINEE: Robert kümmert sich um die Produkte, wir um Vertrieb und alles dahinter.

Björns Cockpit: eigene Software statt Abos
Mein Alltag hat sich in einem Jahr komplett verändert, nur am Rand wegen Plugins. Ein Unternehmen sammelt viel Software im Abo an: für Newsletter, SEO, den Werbekatalog bei Meta. Jedes Tool kostet 29 bis 149 Euro im Monat, ein Newsletter-Tool auch gern 350 Euro, und jedes hat seine eigene Logik.
In drei Wochen habe ich mir ein eigenes Betriebssystem für SINEE geschrieben, das SINEE Cockpit. Los ging es mit der Frage, ob wir Channable ersetzen können, das für 99 Euro im Monat den Produktkatalog für die Meta-Anzeigen baut. Zwei Stunden später hatte ich einen eigenen Feed. Dann kam ein eigenes Ticketsystem statt eines Anbieters für rund 1.400 Euro im Jahr. Kommt eine Kundenmail, zeigt das System direkt die Bestellungen des Kunden, Stornieren oder Gutschein erstellen geht im selben Fenster. Meine Frau Bea schrieb mir, ich solle mir auf die Schulter klopfen, so gut funktioniert das.
Wichtig für alle, die sich um ihre Daten sorgen: Im Cockpit arbeitet keine KI. Es ist ein normales, selbst gehostetes Programm. Die KI hilft beim Bauen, im Betrieb ist sie nicht dabei. Mit einer Agentur hätte das locker 150.000 Euro gekostet und anderthalb Jahre gedauert.
Alle sprechen davon, dass wir die Kontrolle an künstliche Intelligenz verlieren. Ich hatte den Eindruck, dass ich meine Kontrolle zurückbekomme. Björn Torwellen im SINEE Cast #13
Am Ende geht es mir um Zeit fürs Studio und die Familie, mit Werkzeugen, die wirklich helfen. Billig ist das nicht, bei uns beiden gehen monatlich vierstellige Beträge an die KI-Anbieter. Wer ein Tool für 10 Euro im Monat mit Tokens für 1.000 Euro nachbaut, braucht einen guten Grund.

KI kann nicht hören: Zeit für Signature-Tools
Eine Sache, die die KI wirklich überhaupt nicht kann, ist hören. Björn Torwellen im SINEE Cast #13
Sprachmodelle messen über Werkzeuge. Sie können sagen, ob etwas anders oder gleich klingt, aber nicht, ob es gut klingt. Ich hatte Fälle, in denen die KI ein Ergebnis gelobt hat und beim Reinhören eine fiese Resonanz drin war. Auch Presets bekommt sie nicht gut hin. Es braucht erfahrene Ohren, bei Robert 36 Jahre Musik und Mastering.
Ich glaube, es ist jetzt der Zeitpunkt gekommen für Signature-Tools. Robert Babicz im SINEE Cast #13
Wer die 909 erfunden hat, hat nie Techno gemacht. Jetzt destillieren Künstler ihren Sound und ihre Erfahrung, auch die aus allen gescheiterten Versuchen, direkt in Werkzeuge. Robert baut als Nächstes die Firmware von Octatrack und Digitakt nach seinen Vorstellungen um.
Unsere Philosophien unterscheiden sich dabei. Robert ist der Klangfanatiker, der Hardware bis ins Detail nachbildet. Ich baue eher Workflow-Tools, für die man sonst Sample Libraries durchsuchen oder Effektketten bauen müsste. Neulich habe ich bei einer Session mit einem Kumpel Kikzilla auf eine 909-Kick geladen, nach drei, vier Minuten stand die Kick für den Track. Früher saß man daran anderthalb Stunden. Mein erstes kostenloses Plugin, ein Shaker-Tool mit zufälligen Patterns, folgt derselben Idee.
Fazit: Kann jetzt jeder VST Plugins mit KI bauen?
Ja und nein. Ein erstes Ergebnis hast du in zwei, drei Stunden, manches wird an einem Wochenende ein gutes Tool für dich selbst. Ob daraus ein Produkt wird, steht auf einem anderen Blatt: Lizenzierung, Shop und Kundschaft löst keine KI für dich. Und einen subtraktiven Synth mit drei Oszillatoren gab es schon vor 15 Jahren als Freeware. Robert bringt es auf den Punkt: Die KI ist nur so gut wie die Ideen, die du hineingibst. Wertvoll ist jetzt die Idee, nicht der Code.
Ich überlege, einen Kurs „Plugins entwickeln mit KI“ zu machen. Ob du so etwas brauchst, schreib es unter das Video, gern auch, wenn du anderer Meinung bist als wir zwei. Bleib dabei sachlich, dann diskutieren wir mit.