SINEE Cast · Folge 06
KI in der Musikproduktion: zwischen Suno, Ableton und 75.000 Tracks am Tag
Im April war fast jeder zweite neue Track KI-produziert, rund 75.000 pro Tag, und nur etwa ein Prozent wird überhaupt gehört. Björn Torwellen und Pierce Treude sortieren, wo KI in der Musikproduktion echtes Werkzeug ist und wo sie dich zum reinen Auftraggeber macht.
Kaum ein Thema polarisiert im Studio gerade so wie KI. Die einen sehen das Ende der Musik, die anderen feiern jeden neuen Prompt. Björn Torwellen und Pierce Treude, beide seit Jahrzehnten in der elektronischen Musik unterwegs, nehmen sich in dieser Folge genau diese Debatte vor.
Die Leitfrage zieht sich durch das ganze Gespräch: Bleibst du der Schöpfer deiner Musik, oder wirst du zum Auftraggeber, der nur noch bestellt und auswählt? Und macht dieser Unterschied am Ende überhaupt etwas aus?
75.000 Tracks am Tag, und kaum jemand hört zu
Die Zahlen sind absurd. Fast jeder zweite neue Track ist im April KI-produziert, rund 75.000 Stück pro Tag, und gestreamt wird davon etwa ein Prozent. Für Plattformen wie Spotify ist das ein Segen, denn die Mediathek wächst praktisch von selbst. Für Künstler verschiebt sich dagegen die ganze Wirtschaftlichkeit, weil hinter dieser Masse oft niemand mehr steht, an den ausgeschüttet werden müsste.
Dahinter steckt eine Demokratisierung, die nicht neu ist. Vom Heimcomputer über Fruity Loops bis zu Sample Packs ist die Hürde immer weiter gesunken. KI ist nur der nächste, radikalste Schritt. Der Preis dafür ist ein generischer Grundton: Sobald alle mit demselben Prompt arbeiten, klingt vieles gleich, ähnlich wie die KI-Flyer, die heute jede zweite Veranstaltung schmücken.
Auftraggeber oder Schöpfer: wo KI zum Werkzeug wird
Der zentrale Streitpunkt im Gespräch ist die Rolle des Menschen. Wer einen Song nur prompten lässt, ihn dreißig Mal neu generiert und dann den besten Versuch nimmt, ist per Definition Auftraggeber, nicht Produzent. Genau das verwechseln laut Björn viele Einsteiger mit Kreativität.
Pierce dreht den Blickwinkel und sieht den Produzenten in der Rolle des Kurators, der auswählt, kombiniert und verfremdet. Das sei nicht weit weg von Klangkarussell, die mit fertigen Loops einen Nummer-eins-Hit gelandet haben. Die Grenze verschwimmt, und wo Grenzen verschwimmen, verschwinden sie irgendwann auch.
Wir gelangen als Musiker vorrangig in die Rolle des Kurators. Wir wählen aus, kombinieren und stellen dar. Pierce Treude im SINEE Cast #06
Suno, Ableton und der ehrliche Studio-Workflow
Spannend wird es da, wo KI nicht den Song abliefert, sondern den Prozess befeuert. Pierce beschreibt, wie generative KI Vocals und Sounds erzeugt, die exakt zum eigenen Rohmaterial passen, in Tonart und Tempo. Was du daraus machst, wie du modulierst, verfremdest und arrangierst, bleibt deine Aufgabe in der DAW, in seinem Fall Ableton Live.
Entscheidend ist das Fachwissen. Wer die Sprache der Produktion nicht beherrscht, bekommt generische Ergebnisse, egal wie gut das Tool ist. Genau hier setzt Pierce' Kurs KI in der Musikproduktion an: KI als Werkzeug nutzen statt nur als Auftraggeber zu bestellen.
Ich möchte mir meine Arbeit nicht abnehmen lassen, weil ich sie mag. Pierce Treude im SINEE Cast #06
Der Preis: Urheberrecht, Bias und Abhängigkeit
Die unbequemen Themen liegen außerhalb des Studios. Modelle werden auf urheberrechtlich geschützter Musik trainiert, Suno hat das vor Gericht eingeräumt. Dazu kommen die Abhängigkeit von Plattformen, die jederzeit Preise anheben oder Modelle abschalten können, ein Bias in den Trainingsdaten und eine Ökobilanz, über die kaum jemand spricht.
Björn bringt es auf einen Punkt, der die ganze Debatte zusammenfasst: KI ist eben nicht nur das Werkzeug, sondern auch derjenige, der es bedient. Genau das macht sie so schwer vergleichbar mit allem, was vorher kam.
KI ist nicht nur der Hammer, sondern auch derjenige, der den Hammer bedient. Björn Torwellen im SINEE Cast #06
Am Ende bleiben sich beide einig: Musikmachen verliert seine Relevanz nicht, nur die Monetarisierung wird härter, vor allem für durchschnittliche Leistung. Wer KI versteht und gezielt einsetzt, gewinnt Inspiration und Möglichkeiten, ohne den Spaß am Handwerk zu verlieren. Die ganze Folge gibt es jetzt auf YouTube und Spotify. Wenn dir der SINEE Cast gefällt, abonniere die Reihe, lass einen Kommentar da und sag uns, welchen Gast du als Nächstes hören willst. Die nächste Folge erscheint in zwei Wochen, Donnerstag 18:00 Uhr. Wie immer.