SINEE Cast · Folge 9
YouTube-Kanal gehackt: Alexander Spree über Phishing, 30.000 verlorene Abos und einen Support, den es nicht gibt
Ein Klick während eines laufenden Uploads, und zwei Minuten später gehörte Alexander Spree sein eigenes Leben nicht mehr. Der Berliner Modular-Künstler hat seinen YouTube-Kanal, seine Videos, sein Google-Konto und seine Mail-Adressen verloren. In dieser Folge erzählt er, wie das passiert ist und warum ihm seit Wochen niemand hilft.
Alexander Spree ist einer der wenigen, die im deutschsprachigen Raum ernsthaft über Modularsynthese gesprochen haben. Klassisch ausgebildeter Klarinettist, Berliner Techno-Artist, und seit Jahren ein Kanal, der eine Lücke gefüllt hat, die sonst niemand füllte. Eurorack, Sounddesign, Dawless-Performance, erklärt von jemandem, der es selbst macht. Rund 30.000 Menschen haben ihm dort zugeschaut.
Diesen Kanal gibt es nicht mehr. Wer heute nach ihm sucht, landet auf einem fremden Profil, das zufällig ähnlich heißt. Wir haben diese Folge aufgenommen, weil es zu dem Fall bisher keine Berichterstattung gibt und weil Alex selbst nichts mehr veröffentlichen kann. Er saß dabei in seinem Garten, nicht im Studio, über eine Software, die wir sonst nicht benutzen. Bild und Ton weichen deshalb von den anderen Folgen ab. Das hat einen Grund, und der ist der Inhalt dieser Folge.
Der Klick, der alles gekostet hat
Es war ein ganz normaler Arbeitstag. Alex hatte am Donnerstag ein neues Video fertig, ein Einsteiger-Video zum Behringer Neutron, hatte lange an der Suchmaschinen-Optimierung gesessen und lud gerade hoch. Während der Wartezeit klickte er auf einen Link aus seinem Postfach, eine Plattform, auf der sich Creator miteinander vernetzen sollen. Die Seite sah professionell aus. Dann ging ein Fenster auf und meldete, er sei aus seinem Google-Konto geflogen und müsse sich neu anmelden.
Er tippte seine Zugangsdaten ein. Automatismus, während nebenher der Upload lief. In dem Moment, in dem er es tat, wusste er es schon.
Ich hacke das rein, und in dem Moment merke ich, ach du Scheiße, nein. In dem Moment war direkt alles zu spät. Alexander Spree im SINEE Cast #9
Das ist der Teil, den man beim Thema Phishing gerne falsch versteht. Es trifft nicht die Ahnungslosen. Es trifft die Beschäftigten. Alex ist niemand, der leichtfertig irgendwo Passwörter hinterlässt, er war nach eigener Aussage voll aufmerksam. Nur eben mit drei Dingen gleichzeitig. Der Angriff war nicht plump, er kam im richtigen Moment.
Zwei Minuten später sendeten Fremde auf seinem Kanal
Was danach passierte, ging schneller, als man reagieren kann. Ein Bekannter von Alex, dessen Adresse als Wiederherstellungs-Kontakt hinterlegt war, bekam innerhalb weniger Minuten ein Dutzend Benachrichtigungen: Passwort geändert, Telefonnummer geändert, Zugriff neu vergeben. Alex selbst kam da schon nicht mehr rein.
Auf seinem Kanal tauschten die Angreifer das Banner gegen Krypto-Werbung, starteten einen Livestream mit eingeblendeten QR-Codes und begannen, seine Videos zu löschen. Sein Name stand noch darüber. Er konnte live zusehen, wie fremde Leute unter seinem Namen sendeten, und konnte nichts tun außer seine Community auf Instagram um Hilfe zu bitten. Die meldete den Kanal massenhaft. Nach zwei bis drei Stunden war der Spuk vorbei, weil Google das Konto sperrte. Seitdem ist es gesperrt. Auch für ihn.
Später schickte ihm ein Zuschauer das Video eines Gamers, dem exakt dasselbe passiert war. Gleiches Muster, gleiche Krypto-Masche, dasselbe Banner. Das Vorgehen ist also bekannt.
Vor verschlossener Tür
Der eigentliche Skandal dieser Geschichte beginnt erst danach. Alex hat 48 Stunden lang versucht, seinen Zugang zurückzubekommen. Er bekam über 300 Nachrichten auf Instagram und rund 1000 Mails, drei Hacker boten ihre Hilfe an, mit einem von ihnen arbeitete er die Recovery-Wege durch. Er telefonierte Nummern ab und bekam Computerstimmen. Er füllte Formulare aus, die nach dem letzten hochgeladenen Video fragten. Zurück kamen freundliche, offensichtlich automatisch erzeugte Mails, die Verständnis für seine Situation äußerten und um Geduld baten. Wochen, hieß es zuletzt.
Alex ist zahlender Teil des YouTube-Partnerprogramms. Er hat den Begriff im Gespräch mehrfach gedreht.
Ein Partner ist ja jemand, der auch einmal zuhört, wenn es einem schlecht geht. Mir ging es gerade wirklich schlecht, keiner hört zu. Alexander Spree im SINEE Cast #9
Irgendwann ist er hingefahren. YouTube hat in Berlin eine Dependance in der Tucholskystraße, gleich beim Bode-Museum. Ins Entree kommt man noch, dahinter ist eine verschlossene Tür und davor stehen freundliche Securitys, die wissen wollen, mit wem man einen Termin hat. Genau das ist die Frage, die er nicht beantworten konnte, weil es niemanden gibt, mit dem man einen Termin machen könnte. Er hat eine halbe Stunde diskutiert und ist wieder gegangen.
Was funktioniert hat: die AdSense-Zahlung. Die kam drei Tage nach dem Hack noch pünktlich. Die Verbindung besteht also, das Konto existiert, die Buchhaltung läuft. Nur ein Mensch, der einmal draufschaut, ist nicht vorgesehen.
Was bleibt, wenn die Leinwand weg ist
Für Alex hängt an dem Konto mehr als ein Kanal. Weil sich heute fast alles über Google anmeldet, sind mit dem Zugang auch seine Mail-Adressen und die Logins zu allem verschwunden, was er je damit verknüpft hat. Privat und beruflich, alles auf einem Account, aus Bequemlichkeit über Jahre gewachsen. Er beschreibt es als Raum, aus dem jemand über Nacht die Möbel geräumt hat.
Er hat 20 bis 30 Stunden pro Woche in diesen Kanal gesteckt. Das ist ein Job, kein Hobby, auch wenn in dieser Nische niemand davon lebt. Die dreistelligen Werbeeinnahmen im Monat waren nie der Punkt. Der Punkt war das Medium selbst, seine Sendung, alle zwei Wochen, wie eine Radioshow. Und die ist weg.
Ich brauche doch nur einen Zugang zu meinem eigenen Account. Deswegen will ich auch keinen neuen, ich habe ja meinen alten. Ich komme nur nicht hin. Alexander Spree im SINEE Cast #9
Immerhin: Das Werk ist nicht verloren. Alle Videos, alle Projektdateien, alle Soundfiles liegen auf Festplatten bei ihm zu Hause. Er könnte die Sachen wieder verfügbar machen, und er will das auch, weil ihm viele schreiben, dass sie bestimmte Videos vermissen. Was er nicht wiederherstellen kann, ist die Reichweite. Wer YouTube verlässt, verliert die Leute, die dort einfach vorbeikamen. Das weiß er, und deshalb zögert er, einfach einen zweiten Kanal aufzumachen. Sein Bild dafür: Man baut seine Hütte ja auch nicht freiwillig wieder an denselben Vulkan.
Aktuell steht bei ihm das Handy im Flugmodus in der Laube. Er checkt fünf Minuten am Tag ein Ersatzpostfach, legt Gurken ein, spielt seine Gigs und arbeitet an einer fertigen EP, für die er gerade ein Label sucht. Als Nächstes will er es über einen Anwalt versuchen, mit einem echten Brief an eine echte Adresse. Manchmal, erzählt er, funktioniert genau das, wenn sonst nichts geht.
Wenn du eine Idee hast, die ihm weiterhilft, schreib sie in die Kommentare unter das Video. Alex kann sie selbst nicht lesen, er hat keinen Zugang. Wir leiten alles an ihn weiter. Erreichbar ist er über Instagram, seine Musik gibt es auf Bandcamp.
Diese Folge ist kein Ratgeber und keine Anleitung, wie man sich absichert. Sie ist ein Protokoll von jemandem, dem es gerade passiert ist, und eine ziemlich unangenehme Erinnerung daran, worauf unsere Sichtbarkeit eigentlich steht. Die ganze Folge gibt es jetzt auf YouTube und Spotify. Wenn dir der SINEE Cast gefällt, abonniere die Reihe, lass einen Kommentar da und sag uns, welchen Gast du als Nächstes hören willst. Die nächste Folge erscheint in zwei Wochen, Donnerstag 18:00 Uhr. Wie immer.