SINEE Cast · Folge 8
Patrik Berg über KI, das Ende seiner DJ-Karriere und das Album Mensch und Maschine
Patrik Berg hat auf Drumcode und Terminal M released und dann mitten im Lauf aufgehört aufzulegen. Kein Booking mehr, kein Management, stattdessen ein Konzeptalbum über künstliche Intelligenz und eine audiovisuelle Show. Im SINEE Cast reden wir darüber, was KI gerade mit Musik und Gesellschaft macht und warum er glaubt, dass niemand uns etwas wegnimmt.
Es gibt einen Moment in dieser Folge, an dem klar wird, warum das Gespräch nicht bei Musikproduktion bleiben konnte. Patrik beschreibt, wie KI in unser Leben kommt, und findet dafür einen Satz, der sich schwer wieder abschütteln lässt: Es ist eine Übergabe, keine Übernahme. Niemand nimmt uns etwas weg. Wir geben es ab, Stück für Stück, und merken es nicht, weil jeder einzelne Schritt bequem ist.
Patrik Berg ist Producer aus Köln, hat auf Drumcode, Terminal M und Filth On Acid veröffentlicht und war jahrelang international unterwegs. Seit einiger Zeit legt er nicht mehr auf. Stattdessen arbeitet er mit einem fünfköpfigen Team an einem Konzeptalbum mit deutschen Texten und einer audiovisuellen Show, die am 26. November im Club Bahnhof Ehrenfeld in Köln Premiere hat. Beides heißt Mensch und Maschine.
Warum er mitten im Lauf aufgehört hat
Der Ausstieg kam nicht aus Erschöpfung, sondern aus einem Passungsproblem. Die Szene wurde schneller und härter, seine Musik war nicht mehr gefragt, und die Anfragen im Club wurden konkret. Kannst du bitte schneller machen. Kannst du bitte härter spielen. Patrik hat versucht mitzugehen und dabei gemerkt, dass es nicht funktioniert, wenn man sein eigenes Werk als Kunst versteht. Er beschreibt diese Zeit offen als persönliche Krise.
Die Konsequenz war radikal. Raus aus der Booking-Agentur, raus aus dem Management, weil von dort immer der gleiche Impuls kam: Wir bringen dich groß raus, der Schlüssel liegt in dem, was gerade läuft. Für ihn war das keine Antwort. Was danach entstand, ist bewusst kein Rave. Einlass um 19 Uhr, Beginn um 20 Uhr, zweieinhalb Stunden, kein Warm-up-DJ, der schon 160 BPM spielt. Er gibt den Abend komplett selbst vor.
Ich hatte keine Lust mehr, den Marktnormen zu folgen, und habe mich selbst nirgendwo mehr wiedergefunden. Patrik Berg im SINEE Cast #8
Mensch und Maschine, ein Album als Erzählung
Das Album ist in Akte aufgeteilt und wird von einer KI erzählt, die uns intellektuell überlegen ist. Sie schaut nicht feindlich auf uns, sondern kühl und analytisch: was der Mensch bisher getan hat, wohin die Entwicklung läuft, was daraus folgen könnte. Am Ende steht die offene Frage nach Transhumanismus oder Posthumanismus. Live läuft das auf einer fünf Meter breiten LED-Wand, animiert von einem 3D-Künstler aus seinem Team, komplett von Hand und ohne KI.
Diese Umkehrung ist der eigentliche Kniff. Nicht der Mensch erzählt über die Maschine, sondern die Maschine über uns. Wer Kraftwerk im Kopf hat, liegt thematisch richtig und tonal falsch: Kraftwerk war retrofuturistisch, hier geht es um einen Prozess, der bereits läuft.
Dieses Album gibt keine Antworten, aber stellt vielleicht die richtigen Fragen. Patrik Berg im SINEE Cast #8
Übergabe statt Übernahme
Beim Thema KI im Studio ist Patrik eindeutig. Kunst macht er ohne, weil Kunst für ihn aus Unperfektheit entsteht, aus der Konfrontation mit sich selbst. Alles andere, Struktur, Planung, längere Mails, macht er damit. Er nennt sich selbst einen ADHS-Menschen, für den genau diese Arbeit die anstrengende ist. Das ist keine halbe Haltung, sondern eine präzise Trennlinie: nicht das Werkzeug entscheidet, sondern ob dabei eine Entscheidung abgegeben wird.
Genau hier lagen wir im Gespräch nicht auseinander, aber unterschiedlich gewichtet. Ich sehe die Chance vor allem bei kleinen Unternehmen und Solo-Selbstständigen, die keine 70.000 Euro Personalkosten in eine neue Stelle stecken können, um dann zu schauen, ob es funktioniert. Bei mir ist nichts automatisiert, ich arbeite mit KI-gestützten Prozessen und sitze bei jedem Schritt davor. Patrik hält dagegen, dass die Debatte in Deutschland an den falschen Stellen geführt wird, und bringt das Alignment-Problem ins Spiel: der Unterschied zwischen dem, was wir meinen, und dem, was wir sagen.
Es ist eine Übergabe, keine Übernahme. Wir übergeben der KI unsere Daten. Patrik Berg im SINEE Cast #8
Algorithmen, Konsum und was dagegen steht
Der schärfste Teil der Folge handelt gar nicht von KI, sondern von dem, was davor liegt. Künstler bauen Musik so, dass der Algorithmus sie mag. Sie bauen Content so, dass die Plattform ihn ausspielt. Dann lassen sie sich von einer KI beraten, wie der Content aussehen soll, und alles wird sich ähnlicher. Wer außerhalb des Rasters liegt, wird nicht mehr gesehen, oder glaubt es zumindest.
Dazu kommt die ökonomische Seite. Man produziert kostenlos für eine Plattform, die mit dem Ergebnis Geld verdient, um Menschen auf eine zweite Plattform zu schicken, auf der am Ende ebenfalls kaum etwas ankommt. Patrik erzählt von einem Rapper mit Goldalben, der jetzt Abschiedstour spielt und in einer Schreinerei arbeitet. Seine Sorge ist nicht die Maschine, sondern die Richtung.
Wir sind keine Kulturgesellschaft mehr, sondern eine reine Konsumgesellschaft. Patrik Berg im SINEE Cast #8
Am Ende steht trotzdem kein Untergangsbild. Junge Leute gehen zurück ins Handwerk, weil sie dort nicht ersetzt werden können. Konzerte mit echten Menschen gewinnen an Wert, gerade weil so viel anderes beliebig geworden ist. Und der Kunde entscheidet am Ende selbst: Fast Food hat das Sternerestaurant nicht abgelöst. Wer tiefer in Patriks Arbeitsweise im Studio schauen will, findet seine komplette Online Masterclass im SINEE Studio. Die ganze Folge gibt es jetzt auf YouTube und Spotify. Wenn dir der SINEE Cast gefällt, abonniere die Reihe, lass einen Kommentar da und sag uns, welchen Gast du als Nächstes hören willst. Die nächste Folge erscheint in zwei Wochen, Donnerstag 18:00 Uhr. Wie immer.