Creator-Porträt · Mickey Nox
Mickey Nox und Green Fetish Records: harter Industrial Techno aus Melbourne
Als die Clubs nach den Lockdowns wieder öffneten, wurde Techno schneller, härter und verzerrter. Für viele war das ein neuer Sound. Für Mickey Nox war es ein ganz normaler Dienstag.
Der Producer, DJ und Labelchef aus Melbourne hat harten, industriellen Techno schon 2013 zum Programm gemacht, als er Green Fetish Records gegründet hat. Bis Ende 2019 standen über 50 Releases auf dem Label, Vinyl inklusive, dazu eine Europa-Tour bis zu Tresor New Faces in Berlin.
Wir arbeiten seit 2023 mit Green Fetish zusammen und haben in dieser Zeit eine Menge Kicks aus Melbourne durch unsere Monitore geschickt. Zeit für das erste Creator-Porträt im SINEE-Blog: wer Mickey Nox ist, wie sein Label entstanden ist und warum bei ihm nichts nach Zufall klingt.

Wer ist Mickey Nox?
Mickey Nox ist laut eigener RA-Biografie seit Ende 2007 in Melbourne aktiv, die ersten gelisteten Gigs stammen von Anfang 2009. Seine Wurzeln liegen nicht in polierten Clubs, sondern in Warehouse-Partys, auf Festivalbühnen und auf illegalen Raves, die er selbst veranstaltet hat. Im Interview mit Under The Radar beschreibt er diese Partys trocken als "quite infamous", also ziemlich berüchtigt.
Den Funken lieferte ein Track von Paul Woolford, der ihn mit 17 nach eigener Aussage schlicht umgehauen hat. In Melbourne stand er früh neben internationalen Namen hinter den Decks, etwa 2014 mit Jonas Kopp und 2015 mit Christian Wünsch. Im selben Jahr spielte er als Headliner im DV1 Club in Lyon.
Live ist Mickey ein Hardware-Mensch. 2019 lief sein Setup über eine Analog Rytm, die durch den HEAT geschickt wurde, dazu Modular, und eine erklärte Schwäche für den MS-20. Das Wissen aus dieser Arbeit gibt er heute auch weiter, in eigenen Masterclasses zu Kick Drums, Distortion und Referencing.
Green Fetish Records: Hard Techno seit 2013
Green Fetish Records startete im September 2013. Vorher hatte Mickey ein Label für einen anderen Club in Melbourne geführt, das mit der Schließung des Clubs endete. Danach wollte er laut Interview vor allem eins: "total control of art, music and direction", also volle Kontrolle über Artwork, Musik und Richtung.
Der Name ist eine Verbeugung vor zwei Einflüssen: "Green" von Green Velvet, "Fetish" von Paul Woolfords gleichnamigem Track. Die Selbstbeschreibung auf Bandcamp lautet "dark, different & odd forms of music for real music lovers". Dunkel, anders, schräg. Das ist ziemlich ehrlich.
Ein Jahr nach dem Start, im Oktober 2014, feierte das Label seinen ersten Geburtstag im Rubix Warehouse in Melbourne. 2015 und 2016 folgten eigene Labelnächte wie "12 Hours Of Horsepower" im Hotel Railway. Ebenfalls 2015 kam das erste Vinyl: Mickeys The Mule EP als grüne Pressung, seit 2017 gibt es die eigene Vinylreihe GFRV. Dazu gehört auch die Compilation-Reihe "Fucking Hammers", deren drei Bücher zwischen 2020 und 2022 auf Vinyl erschienen sind. Der Titel lässt wenig Raum für Interpretation.
Das Artist-Roster war früh international. Oliver Rosemann veröffentlichte 2014 seine Skunk EP auf dem Label, Dave Tarrida 2016, später kamen Namen wie Lado, Kode, Kracht sowie Patrick DSP und Diarmaid O'Meara dazu. Seit 2020 sind es unter anderem Claas Herrmann, Stromtod, O.B.I. und Etrigan. Heute zählt das Label laut eigener Website über 100 Releases, der Katalog steht bei GFR109. Der Artist mit den meisten Einträgen ist übrigens der Chef selbst.
Hart, bevor es Mode war: der Weg vor 2020
Die These dieses Porträts lässt sich mit Zahlen belegen. Auf Discogs sind 51 Green-Fetish-Releases bis Ende 2019 gelistet, im Mai 2019 sprach Mickey selbst von über 50. Sein erster gelisteter Track "Wedge" erschien im Oktober 2013 und wird dort als Hard Techno und Hardcore geführt, ab 2015 taucht Industrial als Stil auf.
2018 und 2019 erschienen seine Tracks auf South London Analogue Material, RIOT Radio Records, Obscuur, Pitch Dark und PLS.UK. Im Sommer 2019 ging es auf Europa-Tour: BASIS in Utrecht, Corsica Studios in London, Moog in Barcelona und am 7. August Tresor New Faces im Globus, also im Tresor-Komplex in Berlin. Under The Radar nannte ihn im selben Jahr "a formidable force in Melbourne's techno scene", eine feste Größe der Szene in Melbourne.
Zum Vergleich: Mixmag verortet den großen Härte-Schub im Techno in der Zeit nach der Wiedereröffnung der Clubs im Sommer 2021, erste Tempo-Steigerungen gab es ab Ende 2019. Green Fetish hat diesen Sound zu dem Zeitpunkt schon sechs Jahre lang veröffentlicht.
Damit es fair bleibt: Vor 2020 war Mickey Nox eine feste Instanz in Melbourne mit einem wachsenden Netz im internationalen Underground, kein globaler Headliner. Der größte Meilenstein, der Release auf Perc Trax, kam erst im Juli 2020. Genau das macht die Geschichte aber interessant. Hier hat jemand nicht auf einen Trend reagiert, sondern einfach weitergemacht, bis der Rest der Szene nachgezogen ist.
Perc Trax, SLAM, Pure Hate: die wichtigsten Releases
Eine Auswahl der Meilensteine, alle belegt über Discogs:
- 2013: Wedge (Brooklyn Fire), der erste gelistete Release
- 2015: The Mule EP (Green Fetish, grünes Vinyl) und Famous Munks EP (Variance)
- 2017: True Sailing Is Dead (Green Fetish)
- 2018: Addiction Inheritance EP (Obscuur) und PDR016 (Pitch Dark)
- 2019: Mad As A Cut Snake (RIOT Radio Records), MMSVT (PLS.UK) und Let The Wheels Burn (South London Analogue Material)
- 2020: Filtered Metal auf der Compilation "Forever 2" bei Perc Trax, dazu die Thats Not A Knife EP auf Vinyl bei SLAM
- 2021: Give Up Your Vows EP (Mindcut)
- 2022: Chrome Horse Diplomat EP (Pure Hate)
- 2024: Hammerhead (RIOT Radio Records)
- 2025: Unknown Certainties EP und Market Recap EP (Green Fetish)
Dazu kommen Remixe, etwa für Blush Response, sowie Beiträge auf Labels wie Warg, Märked und Nulleins. Wer sich durch diese Liste hört, merkt schnell, dass sich die Handschrift über zwölf Jahre kaum verwässert hat.
Die Kick als Handschrift: so klingt Industrial Techno von Green Fetish
Hard Techno wird gern auf eine laute Kick reduziert. Bei Green Fetish ist die Kick eher das Fundament, auf dem der Rest steht: metallische Percussion, Noise, dunkle Atmosphären und Synths, die nicht nett sein wollen. Der Labelclaim fasst das als "odd, dark & hard techno music" zusammen. Wie breit das gemeint ist, sieht man an den Sample Packs, die aus dem Label entstanden sind. Neben Kick-Packs gibt es Offensive Noise, Sonic Scapes oder Cinematic Techno.
Trotzdem bleibt die Kick der Punkt, an dem man Green Fetish am schnellsten erkennt. Eine harte Industrial-Kick ist selten ein einzelnes Sample. Sie besteht aus Schichten: ein sauberes Low-End, Mitten mit Körper, ein Transient, der sich durchsetzt, und ein Rumble, der den Raum füllt. Dazu kommt Verzerrung als gestalterisches Mittel, nicht als Notlösung. Genau diese Themen hat Mickey in seinen Masterclasses Kick Drum Deep Dive und How To Use Distortion auseinandergenommen. Wer tiefer in das Thema Rumble einsteigen will, findet bei uns außerdem Die Anatomie des Techno Rumbles.

Neu bei SINEE: Kick Builder, Techno Muscle, Hard Rave Destruction und The Power of Referencing
Seit Oktober 2026 gibt es fünf neue Green-Fetish-Produkte im SINEE Shop. Zwei davon folgen genau dem Schichten-Prinzip aus dem letzten Abschnitt.
- Kick Builder Vol. 1 von RVOLT zerlegt die Kick in Full Kick, Low Cut, Mid Range, Transient und Rumble Loops. Insgesamt 315 Samples, dazu One-Shots von Industrial bis 909.
- Kick Builder Vol. 2 ist Mickeys eigene Fortsetzung mit 378 Samples und sechs Loop-Schichten, darunter Kick Gallops und Vox Layer Kicks. Im Tutorial-Video zeigt er, wie er die Schichten zusammensetzt.
- Techno Muscle Vol. 2 kommt von SKODEN aus Großbritannien: 646 Samples für Peak-Time-Techno, von Layered Kicks über Psy Bass bis zu Rave Stabs.
- Hard Rave Destruction Vol. 1 liefert 330 Samples und 60 MIDI-Files für die schnelle Seite: Drum Loops mit Rolling Toms, Basslines und Melodic Loops mit Tonart im Dateinamen.
- The Power of Referencing ist Mickeys neue Masterclass. In 85 Minuten zeigt er, wie er Referenz-Tracks für Ideen, Arrangement und den finalen Mix nutzt. Aufgezeichnet in Ableton Live 11, auf Englisch, im SINEE Studio.
Wer erst einmal reinhören will, findet bei uns auch kostenlose Hard Techno Samples.
Häufige Fragen zu Mickey Nox und Green Fetish Records
Woher kommt Mickey Nox?
Aus Melbourne, Australien. Dort ist er laut eigener Biografie seit Ende 2007 als DJ, Producer und Veranstalter aktiv.
Wann wurde Green Fetish Records gegründet?
Im September 2013. Der Name setzt sich aus Green Velvet und Paul Woolfords Track "Fetish" zusammen.
Was ist der Unterschied zwischen Industrial Techno und Hard Techno?
Die Grenzen sind fließend, und die Definitionen gehen auseinander. Grob eingeordnet ist Hard Techno der Oberbegriff für schnellen Techno mit verzerrten Kicks. Industrial Techno betont stärker metallische Percussion, Fabrik-Texturen und eine dunkle Grundstimmung. Green Fetish bewegt sich genau in der Schnittmenge.
Auf welchen Labels hat Mickey Nox veröffentlicht?
Neben Green Fetish unter anderem auf Perc Trax (Compilation), South London Analogue Material, Pure Hate, RIOT Radio Records, Obscuur, Pitch Dark und Mindcut.
Welche Green Fetish Produkte gibt es bei SINEE?
Neu sind Kick Builder Vol. 1 und 2, Techno Muscle Vol. 2, Hard Rave Destruction Vol. 1 und die Masterclass The Power of Referencing. Dazu kommen ältere Packs wie Industrial Hard Techno Vol. 1, Techno Muscle Vol. 1, Hardware Pressure und Kicks To Krack The Safe.
Fazit
Mickey Nox hat nicht auf den Moment gewartet, in dem harter Techno gefragt war. Er hat 2013 ein Label dafür gegründet, über 100 Releases veröffentlicht und sich vom Warehouse in Melbourne bis in den Tresor-Komplex gespielt. Green Fetish steht dabei für mehr als laute Kicks: für einen dunklen, schrägen, industriellen Sound mit klarer Haltung. Wer diesen Sound produzieren will, kann bei jemandem lernen, der ihn schon gemacht hat, als er noch niemanden interessiert hat.