SINEE Cast · Folge 10
Techno Live Act seit 1997: Alexander Kowalski über sein Setup von der MPC 2000 bis Ableton, Vinyl first und Mastering
Beim ersten Live Act lag das Mischpult auf seinem Schoß auf der Rückbank eines Opel Astra. Heute reichen Alexander Kowalski ein modularer MIDI-Controller, eine TR-8S und Ableton Live. Dazwischen liegen fast 30 Jahre, ein Debütalbum, das er gerade selbst remastert hat, und ein Live-Prinzip, das sich seit der MPC 2000 nicht verändert hat.
Alexander Kowalski produziert seit den späten 90ern, seit dem Jahr 2000 hauptberuflich. Erste Releases als DisX3 auf Tresor, dann das Signing bei Kanzleramt, wo 2001 sein Debütalbum Echoes erschien und ihn als Live Act auf Tour brachte. Er sitzt in einem Studiokomplex in Berlin, neun Stockwerke, alte DDR-Gewerbefläche, in der neben Producern auch Bands proben und ein paar Leute aus Übersee schlafen, wenn sie in Europa touren. Bei SINEE kennst du ihn vielleicht schon aus seinen zwei Masterclasses oder aus dem Track-Feedback-Stream mit Robert Babicz.
Für Folge 10 hatten wir zwei Anlässe. Alex hat Echoes zum 25. Geburtstag neu gemastert und auf seinem neuen Label Cycles wiederveröffentlicht. Und er startet demnächst eine Mastermind bei SINEE. Herausgekommen ist ein Gespräch über drei Dinge, die zusammengehören: wie man seinen eigenen Mix versteht, wie man einen Live Act baut, der 25 Jahre hält, und warum bei ihm Vinyl immer zuerst kommt.
Was man lernt, wenn man den eigenen Mix 25 Jahre später hört
Die Idee, Echoes neu zu mastern, hatte Alex schon länger. Nicht aus Nostalgie, sondern weil er beim Hören der alten Tracks genau wusste, was er damals beim Mischen falsch gemacht hatte. Drei bis vier Monate hat er sich für das Remaster genommen, mit Revision nach Revision. Bei einem Track, Oxygen, war die alte Kickdrum nicht zu retten, also hat er sie ersetzt. Und weil die 909 als Clock-Master leicht hin und her leiert, musste er in Ableton jede einzelne Kick von Hand ins Grid ziehen.
Dass er beim Mastering selbst sitzt, ist bei ihm nichts Neues. Schon in den 2000ern hat er in Berlin bei Dubplates & Mastering immer eine Session mit Anwesenheit gebucht. Nicht, um dem Engineer reinzureden, sondern um zu sehen, was im eigenen Mix nicht stimmt, damit das nächste Pre-Master besser wird. Ein gebuchter Slot hat aber Grenzen.
Mastering Engineer, der nimmt sich halt nicht so viel Zeit, wie ich das jetzt machen konnte. Wenn du sagst, ich will jetzt hier die 20. Revision von einem Track, geht halt nicht. Alexander Kowalski im SINEE Cast #10
Die alten Sessions lagen alle auf DAT, digitalen Audiokassetten, 16 Bit, 44,1 kHz, damals die beste Option. Während Corona hat Alex seine DAT-Schublade aufgemacht, sich einen Recorder geliehen, weil er selbst keinen mehr hatte, und alles eingespielt. Darauf waren nicht nur die Alben, sondern auch Live-Versionen, ein komplettes Live-Set aus dem Tresor und die Tracks, die er 1999 mit Torsten Litschko als Double X für einen Love-Parade-Gig im Tresor-Keller gebaut hatte. Einige DATs hatten Dropouts, die er mit Material aus derselben Taktstelle an anderer Stelle flicken musste. Chirurgenarbeit, nennt er das.
Seine Mastering-Kette heute: analog der Crane Song STC-8 als Kompressor und Peak-Limiter, danach digital, und für jeden Track eine eigene Anpassung. Einen Tipp hat er für alle, die zwischen zwei Master-Versionen nicht entscheiden können, und Björn sieht das genauso: auf das erste Gefühl hören. Wenn man den Unterschied nicht benennen kann, ist er nicht wichtig.
Acht Kanäle: das Live-Prinzip, das seit der MPC 2000 gleich ist
Der erste Live Act war eine spontane Sache. Samstags kam die Nachricht, dass sie am Mittwoch im Tresor spielen. Noch nie live gespielt, nie als DJ, nichts. Im Studio wurden die Tracks damals ohnehin live am Mischpult aufgenommen, also wusste Alex, wie das geht. Nur der Transport war ein Problem. Ein Kumpel mit Opel Astra, der Kofferraum voll mit Flightcases, der Atari mit Röhrenmonitor, und das Behringer-Mischpult auf Alex' Schoß auf der Rückbank. Die größte Sorge galt der Festplatte im Atari und den Vibrationen.
Nach Echoes ging es auf Tour, und dafür brauchte er ein transportables Setup. Ein Mackie 1604 als Mischpult, das man sich damals überall hinstellen lassen konnte. Eine MPC 2000 mit acht Einzelausgängen, auf denen Bassline, Percussion-Loops, Chords und Effektsounds lagen. Dazu eine 909 als Drum-Sektion links auf dem Pult und eine 505 für ein paar zusätzliche Drums. Mit diesem Prinzip ist er geflogen, hat Flightcases eingecheckt und ist um die Welt gekommen.
Das Entscheidende: Genau dieses Prinzip spielt er heute noch. Ein modularer MIDI-Controller von Intech Studio, den man zusammenstecken kann, gibt ihm acht Channel-Strips mit EQ, Filter und Effekt-Send. Die Audio-Loops laufen in Ableton Live, und er bearbeitet sie live, so wie er früher die Kanäle am Mackie bearbeitet hat. Die TR-8S ist nur noch Fernbedienung, weil sie beim Kit-Wechsel kurz hängt und am Anfang eine Kick verschluckt. Die Drums liegen als Drum Racks in Ableton, abgemischt, damit alles möglichst gleich und gut klingt.

Wenn du das so lange machst wie ich und schon so böse Überraschungen erlebt hast, ist es auch ganz schön, wenn du sehr gut vorbereitet an so einen Live Act rangehst. Und das bin ich. Alexander Kowalski im SINEE Cast #10
Alex kennt beide Lager, die durchgeplanten und die gejammten Live Acts, und findet beides gut. Aber er hat eine klare Grenze: Wer zehn Minuten an einer Sequenz schraubt oder mit dem Octatrack umpatcht, ist in dem Moment nicht bei den Leuten. Deshalb spielt er so vorbereitet, dass er keine Kopfhörer braucht.
Kopfhörer koppeln mich ab von den Leuten, die auf dem Dancefloor sind. Und das möchte ich nicht. Alexander Kowalski im SINEE Cast #10
Björn hält an der Stelle dagegen, und das ist eine der besseren Passagen der Folge. Er spielt DJ-Sets manchmal komplett mit beiden Ohren unter dem Kopfhörer, weil ihn genau diese Abkopplung davor schützt, dem Geschrei des Publikums hinterherzurennen und von Hit zu Hit zu springen. Beide sind sich aber einig, was der größte Anfängerfehler im DJ-Set ist: die besten Waffen in den ersten 15 Minuten verschießen. Danach kommt nur noch Mittelmaß, und die Energie ist raus.
Was Veranstalter bei Live Acts falsch machen
Der Teil, den jeder kennt, der schon mal live gespielt hat. Ein Live Act braucht Platz, einen Soundcheck und ein Setup, das nach dem Soundcheck stehen bleibt. In vielen Clubs bekommt er stattdessen einen Tisch vor der DJ-Booth, auf dem die Gäste dann Jacken und Getränke abstellen, oder ein Plätzchen links neben dem Monitor, wo er anderthalb Stunden schief hört. Ihm wurden vom aufgebauten Setup schon die Kopfhörer geklaut. Und er wird regelmäßig gefragt, ob er den Scheinwerfer ausmachen kann, der blendet.
Sein Vorschlag ist einfach: Wenn ein Live Act gebucht ist, rückt der DJ zur Seite, damit der Live Act in der Mitte vom Monitoring steht. Im RSO in Berlin hängen die Monitore auf Schienen, das findet er vorbildlich. Björn ergänzt das aus eigener Erfahrung: Wenn die Gegebenheiten nicht stimmen, spielt er inzwischen lieber ein DJ-Set als einen halben Live Act. Und beim Fehlbooking, wenn vor einem jemand deutlich härter spielt, bleibt dem Live Act nur, die Drums etwas krasser zu machen, das Tempo hochzunehmen und Augen zu und durch. Den Musikstil kann man nicht wechseln.
Die 909-Geschichte gehört an diese Stelle. Ultraschall, München, Kanzleramt-Nacht, die 909 zickt, wie sie es öfter tat, weil im Flightcase der Virus auf den Reglern lag und die beiden Boards sich berührten. Klopfen half nicht. Also hat Alex sie aus einem halben Meter Höhe auf den Tisch knallen lassen. Im selben Moment gingen im ganzen Club Licht und Musik aus. Hauptsicherung. Ob es an ihm lag, kann er nicht sicher sagen, aber der Zeitpunkt spricht dafür. Der Live Act lief danach tadellos.
Vinyl zuerst: das Ende von Damage und der Start von Cycles
Alex hat sein Label Damage nach ein paar Jahren geschlossen. Nicht wegen der Musik, sondern wegen des Namens, der in Zeiten, in denen Techno gerade härter wird und sich eine andere Szene abspaltet, nicht mehr zu ihm passt. Zwei Releases kommen noch: eine Remix-EP mit den Gewinnern des Remix-Contests aus seiner Masterclass und The Heat Of The Night 2. Dann ist Damage Geschichte, und Cycles übernimmt.
Den Anstoß gab André Kronert von Matter Of Fact, der ihn fragte, ob er nicht wieder Vinyl machen will. Andere Partner hatten ihm angeboten, erst digital zu veröffentlichen und die bestverkauften Tracks später auf Vinyl zu pressen. Das kam für ihn nicht infrage.
Wenn ich ein Release mache, dann muss das entweder auf Vinyl oder halt wirklich dann gar nicht auf Vinyl, dann mach ich's digital. Release gehören für mich zusammen. Alexander Kowalski im SINEE Cast #10
Seine Regel bei Cycles: Vinyl und Bandcamp kommen zuerst, die digitalen Plattformen zwei Wochen später. Das ist der Bonus für die Vinylkäufer, sie bekommen es zuerst. Björn geht noch einen Schritt weiter und findet, ein Vinyl-only-Track sei mehr wert als jeder Digital-Bonus. Beide sind sich einig, dass eine Platte heute ein Liebhaberprodukt ist und deshalb Qualität und Cover wichtiger sind als der Preis. Alex bleibt dabei klassisch: schwarze Sleeves, schwarze Inner-Sleeves, schwarzes Vinyl. Für Echoes gab es ausnahmsweise die blaue Pressung, die er sich schon 2001 gewünscht hatte. Picture Discs findet Björn kitschig, Clear Vinyl finden beide das Schlimmste, weil man im Club nicht sieht, wo der Track anfängt.
Dazu gehört auch der Alltag dahinter, den man als Käufer selten sieht. Alex verschickt als Privatperson, ohne Business-Tarif, und eine Platte passt bei DHL nicht in die kleine Paketgröße. Also Päckchen ohne Tracking oder das teure Paket. Bei Bestellungen aus dem Ausland ist der Versand manchmal teurer als die Platte. Wer auf Bandcamp kauft, unterstützt Artists trotzdem am direktesten. Der Link steht unten.
Kommt KI im Techno an?
Die Frage kam von Alex, und sie hat das Gespräch noch einmal eine Viertelstunde verlängert. Björn glaubt nicht, dass generative KI in dem Techno Platz findet, den sie beide meinen: Der Prozess ist dort zu wichtig, die Leute wollen ihn sehen, und in der Szene wird gerade sichtbar mehr Hardware, Modular und Handgemachtes gefeiert als je zuvor. Alex sieht das ähnlich, mit einer Einschränkung: Alles, was Dirt und Textur hat und Sounddesign braucht, ist für KI im Moment schwierig. Cheesy Komponenten bekommt sie dagegen gut hin.
Interessant wird es bei der Frage, was eigentlich der Unterschied zu einem Sample Pack ist. Alex sieht ihn nicht als groß an: Wer aus fertigen Bausteinen einen Track zusammenklickt, hat auch keine große kreative Leistung erbracht. Björn stimmt zu, hält das Sample selbst aber nicht für das Problem, sondern das, was man damit macht. Und beide landen beim älteren Thema: Ghostproducing. Wer sich einen Track schreiben lässt und im Studio-Video so tut, als sei es seiner, betrügt seine Fans. Dass diese Leute jetzt den Ghostproducer durch KI ersetzen, ist kein neues Problem, sondern ein Problem für die Ghostproducer.
Björns eigener Take zum Schluss: Für Solo-Selbstständige ist KI eine Chance, nicht in der Musik, sondern drumherum. Buchhaltung, Distribution, Content. Dieses Video, der Newsletter, der Blogartikel, das Thumbnail, all das läuft bei SINEE inzwischen über einen KI-gestützten Workflow mit menschlicher Freigabe, was früher einen ganzen Arbeitstag gekostet hat. Alex nutzt das für ähnliche Dinge auch. Was beide verurteilen, ist die Art, wie Modelle mit Musik trainiert werden, ohne die Urheber zu fragen.
Die Mastermind, die Alex bei SINEE startet, folgt aus genau dieser Haltung. Eine geschlossene Gruppe, die sich wöchentlich trifft, in der er nicht nur seine eigene Arbeitsweise zeigt, sondern die Tracks der Teilnehmer gemeinsam durchgeht und die Fehler anspricht, die er beim Mischen für andere immer wieder sieht. Infos dazu gibt es in den nächsten Wochen zuerst im Newsletter. Wenn du wissen willst, wie er live spielt und warum, findest du seine Live Act Masterclass und seine Online Masterclass im SINEE Studio. Echoes im Remaster und die neu gemasterten Sachen von den DATs gibt es auf Bandcamp.
Folge 10 heißt auch: 20 Wochen SINEE Cast im Zwei-Wochen-Rhythmus. Danke für das Feedback, das dazu kommt, auf Spotify, auf YouTube und persönlich. Die ganze Folge gibt es jetzt auf YouTube und Spotify. Wenn dir der SINEE Cast gefällt, abonniere die Reihe, lass einen Kommentar da und sag uns, welchen Gast du als Nächstes hören willst. Die nächste Folge erscheint in zwei Wochen, Donnerstag 18:00 Uhr. Wie immer.