SINEE Cast · Folge 04
Martin Kohlstedt über Künstler-Identität, Edition Kohlstedt und sein Album Kluft
Wer bin ich als Künstler? 2017 hört Martin Kohlstedt mitten in der Elbphilharmonie auf zu spielen, einfach so, im zweiten Stück. Die längste halbe Minute seines Lebens. Im SINEE Cast #04 reden wir über diesen Bruchmoment, über das eigene Label als Schutzraum für die eigene Stimme und sein siebtes Album Kluft.
Martin Kohlstedt ist Pianist und Komponist aus Weimar. Er ist kein elektronischer Producer, und das Gespräch im SINEE Cast ist trotzdem oder gerade deshalb eine der interessantesten Folgen, die wir bisher hatten. Denn die Fragen, die Martin sich seit zehn Jahren stellt, sind genau die, an denen Producer in unserer Welt scheitern. Wer bin ich, wenn ich nicht das mache, was der Algorithmus belohnt? Was bleibt von meinem Werk, wenn ich aufhöre zu performen? Und wie schütze ich das, was meine Stimme ausmacht, vor dem Markt drumherum?
Sein siebtes Album Kluft erscheint drei Tage nach unserer Aufnahme, am 22. Mai 2026. Es ist das erste seiner Alben, bei dem er sich 60 Skizzen erlaubt hat, statt nur das auf Platte zu pressen, was sowieso schon stand. Zwölf davon haben überlebt. Und es sind nicht die, an denen er am längsten gefeilt hat.

Elbphilharmonie 2017, die längste halbe Minute
Den Bruch, den Martin gebraucht hat, um wirklich frei zu spielen, datiert er auf 2017. Eröffnungsjahr der Elbphilharmonie, sein erstes wirklich großes Konzert, klassisches Publikum, schick angezogen. Im zweiten Stück hört er einfach auf zu spielen. Kein Plan, keine Geste, einfach nichts mehr. Im Saal beginnt das Raunen. Auf der Bühne hört er sein eigenes Atmen.
Auf mir hat's geprickelt, auf der Haut, überall Blicke. Ich hab mein eigenes Atmen ganz laut gehört. Das war die längste halbe Minute meines Lebens. Martin Kohlstedt im SINEE Cast #04
Was danach passiert, hat alles geändert. Statt ein neues Stück anzufangen und das Schweigen zu übermalen, hat er ins Mikrofon gesprochen. Hat dem Publikum gesagt, dass er sich das hier so nicht vorgestellt hat. Im Saal ging ein Lachen herum, die Stille kippte. Und Martin hatte zum ersten Mal Zugriff auf ein Vokabular in sich, das er vorher nicht kannte. Seitdem ist freies Spiel möglich, weil das Scheitern mit eingerechnet ist. Es brauchte das Großereignis, um sich zu brechen.
Mit 25 acht Bands gleichzeitig, dann Laserfokus
Vor Edition Kohlstedt, vor dem ersten Album, vor den 300.000 monatlichen Hörern war Martin in acht Bands gleichzeitig. Klavier seit elf Jahren autodidaktisch, später Klavierunterricht mit Quintenzirkel und Jazz, parallel ein Studium an der Bauhausuniversität Weimar mit eigenen Synthesizern, Hörspielproduktion und 3D-Animation für den Kinderkanal. Mit 24 stand er mit Clueso auf Pro7-Bühnen beim Bundesvision Song Contest mit Latin Licks am Klavier. Erfolgreich, sichtbar, mitten im Strom.
Und falsch. Während er sich das im Fernsehen ansah, kam etwas in ihm zur Erkenntnis, das später entscheidend wurde. Er hatte sich von dem entfernt, was den elfjährigen Martin getragen hatte. Kurz danach starb seine Mutter an Lungenkrebs. Martin schloss sich eine Woche allein im Zimmer ein, schrieb 100 Worte an die Wand, die ihn angeblich ausmachten, und strich 97 davon weg. Was übrig blieb, war der Anfang von dem, was später Edition Kohlstedt werden sollte.
Mach das doch einfach erstmal und geh rein in die Sache und lebe sie aber auch vollkommen, nicht mal gucken wie mir das gefällt. Martin Kohlstedt im SINEE Cast #04
Edition Kohlstedt, ein Label als Schutzraum für die eigene Stimme
Martin hat sein Label nicht gegründet, weil er die Geschäftsseite wollte. Er hat es gegründet, weil er gemerkt hat, dass ein klassischer Label-Deal seine Musik in eine Hülle gepresst hätte, die nicht zu ihm passte. Schwarz-Weiß-Bilder, Calvin-Klein-Videos mit Ausdruckstanz im Wasser. Bei ihm musste der Realbezug bleiben, und der Realbezug bedeutete, dass er selbst für den Schutz seiner Musik verantwortlich ist.
Die Konsequenz war, dass er in den ersten Jahren jeden Job im Label einmal selbst gemacht hat. Webseite, Video, Vertrieb, Verlag, Druck, Versand. Drei Stunden Schlaf pro Nacht plus eine Stunde am Tag, die ganzen Zwanziger durch. Erst dann konnte er auslagern, ohne Substanz zu verlieren, weil er wusste, was er auslagert. Heute arbeitet Edition Kohlstedt mit Recordjet für die Digital-Distribution und einem eigenen physischen Vertrieb. Im Zentrum aller Entscheidungen, im Wort, in der Aussage, in jeder Textform bleibt Martin. Sein Manager Fabian Schütze ist das Gegenüber. Das Team wächst auf bis zu 50 Menschen, wenn ein Album rauskommt.
Erfolg ist bei mir nichts anderes als Vertrauen. Die Zahlen müssen nur deswegen stimmen, damit alle happy sind und ich frei arbeiten kann. Martin Kohlstedt im SINEE Cast #04

Sechs Minuten Stücke, null Playlists und Strom zehn Jahre später
Martin hat 300.000 monatliche Hörer auf Spotify. Seine Stücke sind nicht für Playlists gemacht, viel zu lang, viel zu dynamisch. Im zweiten Track von Strom, seinem damals geflopten Album, hängen am Ende zwei Minuten dran, die nach jeder Marktlogik weg müssten. Sie sind drin geblieben. Heute ist Strom sein erfolgreichstes Album, zehn Jahre nach Release. Damals haben alle wichtigen Leute das Boot verlassen. Heute holen sich die Hörer die Stücke selbst zurück.
Das ist die Logik, die Martin verteidigt. Er kennt jeden Case im Musikbusiness, weiß über Kampagnen-Mechaniken Bescheid und spielt das Pre-Save-Game so weit mit, dass das Team gesund bezahlt werden kann. An die Musik selbst lässt er es nicht. Was zählt, sind ausverkaufte Konzerte, nicht Stream-Zahlen. Die Tonhalle Düsseldorf im November ist ein realer Bezug. Eine Playlist-Platzierung ist Statistik.
60 Skizzen für Kluft, 12 haben überlebt
Beim siebten Album hat Martin zum ersten Mal mit einem Überschuss gearbeitet. 60 Skizzen, an manchen Druckluftschlössern hat er tagelang gefeilt, andere blieben fast unbearbeitet. Was übrig blieb, waren die zwölf Stücke, an denen am wenigsten produziert wurde. Für Martin ist das die zentrale Lektion aus dieser Album-Produktion. Mühe ist kein Qualitäts-Garant. Manche Stücke wollen einfach gefunden werden, andere wollen produziert werden. Den Unterschied lernt man nur, wenn man sich beides erlaubt.
Sein Setup im Studio bleibt vergleichsweise simpel. Steinway oder Bechstein als Flügel, ein Fender Rhodes Mark I als Brückeninstrument, Prophet 10 als Main Synth, Osmose Expressive E für die organischen Sample-Sounds, Juno 6 für die warmen Bässe. Dazu Strymon Night Sky als Effektkette, eine Roland Handsonic für Beats ohne SYNC und die Boss RC-600 als Loop-Station, die das ganze Klavier durchhalten kann. Analog ist wichtig, weil Analog tierisch ist. Du musst gut aufgestanden sein, um den Synth zu spielen. So beschreibt es Martin selbst.
Was Martin Kohlstedt im Gespräch klarmacht, ist eine Haltung, die quer zu fast allem steht, was unsere Musikindustrie gerade als Erfolgsmodell verkauft. Eine eigene Stimme finden, sie gegen sich selbst verteidigen, sie nicht für eine bessere Position auf einer Liste aufgeben. Das ist anstrengender als der breite Weg, dauert länger, fühlt sich oft nach Misserfolg an, und am Ende ist es das einzige, was bleibt. Die ganze Folge gibt es jetzt auf YouTube und Spotify. Wenn dir der SINEE Cast gefällt, abonniere die Reihe, lass einen Kommentar da und sag uns, welchen Gast du als Nächstes hören willst. Die nächste Folge erscheint in zwei Wochen, Donnerstag 18:00 Uhr. Wie immer.