SINEE Cast · Folge 12
Dennis Busch über Raumakustik, 8 Studio-Mythen, Monitore an der Wand und Room-EQ
Eierkartons an der Wand, Monitore einen Meter von der Wand weg, Raumkorrektur-Software statt Absorber: Halbwissen über Raumakustik steht in jedem Forum. Dennis Busch baut seit fast 30 Jahren Tonstudios und hat auch das SINEE Studio geplant. Im SINEE Cast nimmt er acht Mythen auseinander und erklärt, was du in einem normalen Zimmer wirklich tun kannst, damit dein Raum sauber klingt.
Dennis Busch kommt aus Mönchengladbach und aus einer Schreiner-Dynastie, wollte eigentlich Rockstar werden und machte stattdessen sein Diplom als Toningenieur. Weil das Geld für ein eigenes Studio fehlte und ständig Leute fragten, ob er ihren Raum messen könne, rutschte er in die Raumakustik. Aus der ersten Firma ACE Akustik wurde Acoustic Spaces. Heute plant und baut er Regieräume, Mastering-Studios und Dolby-Atmos-Räume für Einzelkünstler, Universitäten und Firmen wie Brainworx, ist zertifiziert für die Abnahme von Atmos-Räumen und seit zwei Jahren mit Sky Audio auch Lautsprecherhersteller.
Kennengelernt haben wir uns über eine Visitenkarte. 2013 hatte ich mir im Music Store einen Subwoofer für meinen Proberaum in Köln gekauft, der Verkäufer schob mir Dennis' Karte rüber, und ich habe erst mal versucht, das Problem selbst zu lösen: Schaumstoffmatten mit Silikon an die Wand geklebt, Latten davor geschraubt. Nach vier Stunden hing alles krumm, und während ich mich mit dem Bier in der Hand zurücklehnte, fielen die Matten nacheinander wieder runter. Drei Wochen später haben wir den Raum mit Dennis neu gebaut. Zehn Jahre danach hat er das SINEE Studio geplant, das ihr aus der Tonstudio-Serie auf YouTube kennt.
Viel hilft viel? Der erste Fehlschlag
Dennis' eigene Akustik-Karriere begann im Proberaum seiner Metal-Band. Als in der Stadt ein Schießstand schloss und seinen Noppenschaumstoff verschenkte, holte die Band 100 Quadratmeter davon ab, vier Zentimeter dick, und packte den kompletten Raum damit ein. Ergebnis: Die Höhen waren weg, das erste Becken klang wie ein Tritt in eine tote Autotür, und alles wurde wieder abgebaut. Vier Zentimeter Schaum nehmen nur oben herum Energie weg, im Bass passiert nichts. Viel hilft nur dann viel, wenn es an der richtigen Stelle und in der richtigen Dicke viel ist.
Es ist immer ganz gefährlich, wenn man selber glaubt, dass man weiß, was man tut. Dennis Busch im SINEE Cast #12
Nebenbei lernt man, dass Absorption eine Einheit hat: Sabin, benannt nach dem Physiker Wallace Clement Sabine und seiner Nachhallformel. Ein Mensch bringt etwa 0,87 Sabin, eine Couch rund 1,6, ein Bücherregal so gut wie nichts. Viele Freunde einladen hilft also tatsächlich. Wer die Sabins von Jabba the Hutt ausrechnet, schreibt sie bitte in die Kommentare.
Die acht Raumakustik-Mythen
Ich hatte mir die Mythen vor der Aufnahme aufgeschrieben, wie sie in Foren und Kommentaren immer wieder auftauchen. Fast jede Antwort von Dennis beginnt mit demselben Satz: Das kommt auf den Frequenzbereich an.
1. Eierkartons sind günstige Absorber
Ein Absorber funktioniert, weil Luft in ein poröses Material eindringen kann. Die schwingenden Luftmoleküle reiben sich an den Fasern, die entstehende Wärme wird abgeleitet, dem Schall wird Energie entzogen. Pappe ist nicht porös. Ab etwa 5 kHz ist ein Eierkarton schallhart, und weil seine Oberfläche gleichmäßig geformt ist, wirkt er als periodischer Reflektor. Dennis' Fazit: Eierkartons zum Eierstapeln.
2. Mit Akustikschaum hören die Nachbarn meine Musik nicht mehr
Zehn Zentimeter Akustikschaum entziehen dem Raum ab etwa 500 Hz etwas Energie. Das, was dann auf die Wände trifft, ist minimal leiser, isoliert ist damit nichts. Schallschutz nach außen ist ein Thema von Masse, Entkopplung und Bauakustik, nicht von Matten an der Wand. Wer es wissen will, lässt vor dem Umbau eine Schallschutzmessung machen.
3. Wenn beim Klatschen nichts nachhallt, ist die Akustik gut
Klatschen regt den Raum ab etwa 200 Hz an. Über alles darunter, also genau den Bereich, in dem Räume ihre größten Probleme haben, sagt der Test nichts. Für einen Aufnahmeraum wäre ein stummes Klatschen sogar ein schlechtes Zeichen, weil der oben herum länger nachhallen darf als im Bass.
4. Ein schalltoter Raum ist ideal zum Produzieren
Früher hat man tatsächlich Steinwollgräber gebaut. Das Problem ist psychoakustisch: Wenn deine Augen einen Raum sehen, deine Ohren ihn aber nicht hören, wird das Gehör schmalbandig im Mittenbereich aufmerksam. Du hörst nicht mehr so, wie du normalerweise hörst. Ein guter Regieraum ist offen, fühlt sich normal an und ist trotzdem sofort still, wenn die Musik stoppt. Also nicht in den Baumarkt fahren, 30 Packungen Steinwolle kaufen und alles zubauen.
5. Teure Monitore gleichen meinen schlechten Raum aus
Der Raum soll die Stärken eines Lautsprechers unterstützen, nicht verfälschen. Wer 120.000 Euro für Monitore ausgibt und sie in einen leeren Raum mit Tisch und Couch stellt, hätte auch welche für 500 Euro nehmen können. Dennis' Rechnung für normale Budgets: Statt 5.000 Euro für Lautsprecher in einem unbehandelten Raum lieber 1.000 Euro in die Lautsprecher und 4.000 Euro in die Raumakustik. Wer das in einer geteilten Wohnung nicht kann, kauft sich gute Kopfhörer und ein paar kleine Speaker fürs offene Hören.
Gute Lautsprecher in einem schlechten Raum klingen schlechter als schlechte Lautsprecher in einem guten Raum. Dennis Busch im SINEE Cast #12
6. Monitore müssen mindestens einen Meter von der Wand weg
Dennis vermutet, dass diese Regel von jemandem stammt, der in einem 9 mal 12 Meter großen Raum gute Erfahrungen damit gemacht und die Raumgröße im Forum vergessen hat. Die Physik dahinter heißt Lautsprecher-Grenzflächeneffekt: Der Bass beugt sich wegen seiner Wellenlänge um die Box herum, trifft auf die Wand dahinter und kommt zeitverzögert bei dir an. Direktschall und Reflexion überlagern sich, und bei einem Meter Abstand entsteht ungefähr bei 100 Hz ein Loch von rund 12 dB. Ziehst du die Box weiter weg, wandert das Loch nach unten, in einer Turnhalle bis 30 Hz, wo es nicht mehr stört. In einem Zimmer von 4 mal 5 mal 2,50 Meter geht das nicht. Dort schiebst du die Monitore so nah wie möglich an die Wand, das Loch wandert nach oben und lässt sich dort mit einfachen Mitteln behandeln.
Ein Diffusor hinter dem Lautsprecher bringt dabei nichts, weil dort nur Bass ankommt, und fünf Zentimeter Basotect hinter der Box helfen nur gegen Hochton von der Rückwand. Ein Bassreflex-Port auf der Rückseite ist kein Grund, die Box wegzurücken, er darf nur nicht komplett verschlossen werden. Und achte auf Symmetrie im Material: Links Trockenbau und rechts Beton bedeutet, dass beide Lautsprecher einen anderen Bass haben.
7. Raumkorrektur-Software macht Akustik überflüssig
Dennis nutzt Raumkorrektur selbst, in großen Atmos-Studios etwa Trinnov. Als Ersatz für Raumakustik funktioniert sie trotzdem nicht. Erstens: Ein Dip im Frequenzgang entsteht meist durch eine Phasenauslöschung. Gibt der EQ dort Energie hinein, pumpt der Lautsprecher nur noch mehr Energie in die Auslöschung. Bei der Dolby-Zertifizierung lernt man die Regel, dass ein dB Gain am Lautsprecher auch ein dB am Messmikrofon bringen soll. Wenn sechs dB Boost bei 200 Hz nur ein dB am Mikrofon bewegen, macht der Treiber sechs dB mehr Hub und fängt weiter oben an zu verzerren. Zweitens: Wenn der Raum bei 100 Hz zwei Sekunden nachhallt und bei 1 kHz 0,3 Sekunden, laufen bei Techno sechs Kicks in den Nachhall der ersten. Diese Zeit kann kein EQ wegrechnen. Drittens: Jeder EQ-Punkt verschiebt die Phase, und Phase ist Zeit. Wer einen Raum an zwanzig Stellen glattzieht, zerreißt den zeitlichen Zusammenhang des Signals. Dennis kennt Räume, die auf der Messung spiegelglatt aussehen, und beim Abspielen ist die Musik tot.
Das ist Pandoras Box mit dem Room-EQ. Je weniger die Dinger machen müssen, desto besser wird das Ergebnis. Dennis Busch im SINEE Cast #12
8. Ein Subwoofer kann überall stehen, Bass ist nicht ortbar
Auch hier gilt der Grenzflächeneffekt: Wo der Sub steht, entscheidet, wie er den Raum anregt. Zehn Zentimeter nach links, und an der Abhörposition ist der Bass ein anderer. Bei Drum-Aufnahmen probiert Dennis die Bassdrum an verschiedenen Stellen im Raum aus, weil es Orte gibt, an denen 100 Hz schlicht nicht stattfinden. Und orten kann man einen Subwoofer bis etwa 80 Hz durchaus, erst bei 40 oder 50 Hz nicht mehr. Der Sub steht also nicht da, wo man die Füße ausstrecken will, sondern da, wo er gemessen am besten spielt.
Dennis' Haushaltstipps für dein Homestudio
Für alle, die kein Flush-Mount und keinen Studiobauer bezahlen wollen, hat Dennis eine Reihenfolge, die ohne tausende Euro auskommt:
- Monitore nah an die Wand. Es sei denn, du hast eine Turnhalle.
- Symmetrie. Steht der linke Lautsprecher 20 Zentimeter von der Frontwand und einen Meter von der Seitenwand, gilt dasselbe rechts. Passend zum Abhördreieck und möglichst mit gleichem Wandmaterial auf beiden Seiten.
- Erstreflexionspunkte behandeln. Hausaufgabe Nummer eins: ein Punkt an der Decke, je zwei Punkte an der linken und rechten Wand, weil jeder Lautsprecher seinen eigenen Reflexionspunkt hat, und eine größere Fläche an der Rückwand.
- Diffusoren nur bei genug Raumlänge. Ein Diffusor 50 Zentimeter hinter dem Kopf streut nichts, er ist nur teuer. In kurzen Räumen gehören Absorber an die Rückwand.
- Nicht überdämpfen. Damit sind Mitten und Höhen erledigt. Der Bass ist ein eigenes Thema, das du gezielt mit Bassfallen angehst oder Leuten wie Dennis überlässt.
Nicht überdämpfen, nicht zu viel Absorption, kümmert euch um die Erstreflexion und den Rest im Bass überlasst ihr Leuten wie mir. Dennis Busch im SINEE Cast #12
Wenn der Raum dann stimmt, hörst du auch, was Kick und Bass im Low End wirklich machen. Genau dafür haben wir letzte Woche Kikzilla 2 veröffentlicht, das Kick und Bass zusammenklebt und bei Bedarf den Rumble dazu generiert.
Worauf du bei der Raumsuche achten solltest
Bevor Dennis das SINEE Studio geplant hat, habe ich ihm jeden Raum, den ich mir angesehen habe, per Video gezeigt. Die meisten hat er in einem Satz abgelehnt. Seine Checkliste:
- Infrastruktur. Wasser, Toiletten, Internet, etwas zu essen in der Nähe. Der beste Raum nützt nichts, wenn du nicht gern dort bist.
- Deckenhöhe. Nicht unter 2,20 Meter, besser ab 2,50 Meter. Bei 2,40 Meter Höhe und 1,20 Meter Abhörhöhe sitzt der Basstreiber genau in der Raummitte und regt eine Raummode maximal an.
- Symmetrie der Begrenzungsflächen. Kein L-Grundriss, keine Fensterfront links und Beton rechts, keine zugemauerte Tür hinter nur einem Lautsprecher.
- Schallschutzmessung vor der Investition. Wer erst baut und dann feststellt, dass der Nachbar jede Session mithört, hat Geld verbrannt. Nett sein hilft danach nicht mehr.
Alles zu Dennis' Arbeit findest du auf acoustic-spaces.de, seine Lautsprecher auf sky-audio.de. Wer einen Diffusor kaufen will und nicht sicher ist, ob der Raum lang genug ist, soll ihm laut eigener Aussage einfach schreiben.
Die ganze Folge gibt es jetzt auf YouTube und Spotify. Ich könnte mit Dennis noch Stunden weiterreden, über Bassfallen, Flush-Mounts und die Geschichten aus seinem Alltag. Wenn du ihn nochmal im Podcast hören willst, schreib es in die Kommentare. Die nächste Folge erscheint in zwei Wochen, Donnerstag 18:00 Uhr. Wie immer.