SINEE Cast · Folge 11
Vinyl pressen lassen: André Kronert von Matter Of Fact über Ablauf, Kosten und Fehlerquellen
Wie kommt ein Track vom Master ins Plattenregal, und was heißt es, dafür ein eigenes Presswerk zu betreiben? André Kronert presst mit Matter Of Fact in Güstrow bis zu 2.000 Platten am Tag. Im SINEE Cast erklärt er, warum sich eine Platte nicht per Knopfdruck presst, was eine kleine Auflage ein Label wirklich kostet und woran es beim Vinyl am häufigsten scheitert.
André Kronert macht seit 1996 elektronische Musik. Als Kronert ist er DJ und Produzent zwischen Techno, Dub Techno und House und betreibt mehrere eigene Labels. Seit 2022 führt er mit seinem besten Freund Daniel Slabschie das Vinyl-Presswerk Matter Of Fact in Güstrow, inzwischen mit eigenem Vertrieb und einem Plattenladen direkt im Werk. Nach seiner Rechnung haben sie dort schon fast eine Million Platten gepresst.
Den Anlass für Folge 11 hat Alexander Kowalski geliefert. In Folge 10 hat er erzählt, dass André ihn zurück aufs Vinyl geholt hat, und kurz vor unserer Aufnahme hat Alex das allererste Live-Set im Presswerk gespielt. Herausgekommen sind anderthalb Stunden darüber, wie eine Platte entsteht und was dabei schiefgehen kann.
Aufträge gestrichen: warum es Matter Of Fact gibt
Bevor André Platten gepresst hat, hat er sie vermittelt. Zehn Jahre war er bei decks.de für die Inhouse-Labels zuständig und hat nebenbei als Broker gearbeitet, also als Verbindung zwischen Bands, Labels und großen Presswerken. Am Ende hatte er fast 500 Kunden weltweit. Dann kam der Anruf seines Hauptpresswerks: Man könne seine Aufträge nicht fertigstellen. Aufträge im sechsstelligen Wert flogen von heute auf morgen aus der Produktion, vermutlich weil große Major-Aufträge Vorrang hatten. Schnitte, Galvaniken und Drucksachen waren da schon fertig.
André hat alles abholen lassen, mit kleinen Presswerken zu Ende gepresst und dabei auf viele Pressungen draufgezahlt, um die Kunden zu halten. Danach stand die Frage im Raum, ob man das nicht selbst machen kann.
Kühlturm, Dampf und über eine Million Euro
Die Pressen kommen von Newbilt aus Alsdorf, einer kleinen Firma, die auf Basis der alten Alpha-Toolex-Maschinen neue Pressen baut. Matter Of Fact hat drei davon, darunter Halbautomaten, bei denen der Operator den geschmolzenen Vinyl-Cake noch per Hand einlegt. Nur so lassen sich Splatter- und Sonderfarben pressen, für die Bands gern etwas mehr bezahlen.
Das eigentlich Teure ist aber nicht die Presse, sondern alles drumherum. Der Maschinenbauer hatte noch gesagt, mit 50.000 Euro Peripherie sei man dabei, Kühltürme gebe es gebraucht auf eBay. Am Ende kostete allein die Kühlung rund 150.000 Euro, der Wasserdampf noch einmal so viel. Die Pressen arbeiten mit 150 Tonnen Druck und 200 Grad heißem Wasserdampf, der Dampferzeuger steht unter 10 Bar, der TÜV kommt regelmäßig vorbei und das offene Kühlsystem wird auf Legionellen geprüft. Finanziert haben sie das mit Eigenkapital, der kleinsten Hausbank in Güstrow und einer Förderung, die das Land Mecklenburg-Vorpommern als Einzelfallentscheidung bewilligt hat. Insgesamt über eine Million Euro.
Reich wird man davon nicht. André arbeitet zwölf bis vierzehn Stunden am Tag, kümmert sich um Buchhaltung, Einkauf, Kundenakquise und Vertrieb, während Daniel als "Herr der Maschinen" in der Halle steht. Wenn er die Stunden hochrechnet, landet er beim Mindestlohn.
Warum sich eine Platte nicht einfach presst
Wer denkt, man legt Granulat rein, drückt einen Knopf und die Platte ist fertig, liegt falsch. Jede Pressung verhält sich anders. Eine Seite mit 15 Minuten Laufzeit hat tiefere Rillen als eine mit 20 Minuten, Genres fließen unterschiedlich ins Material, und draußen ändern Temperatur und Luftfeuchtigkeit, wie schnell das Kühlwasser runterkommt. Also wird jeden Morgen neu justiert: Heizzeiten, Kühlzeiten, die Temperatur des Cakes.
Eine Sekunde verstellen und dann knackt die Platte, sie wird wellig. André Kronert im SINEE Cast #11
Deshalb stehen bei Matter Of Fact Technics-Plattenspieler direkt neben den Pressen. Die Operator hören sofort in die kritischen Stellen rein, meistens Einlauf, Auslauf und Breaks. Und weil in kleinen Auflagen von 100 bis 300 Stück die Band gefühlt jede Platte selbst in die Hand nimmt, wird jede einzelne angeschaut. Fehlpressungen landen übrigens nicht im Müll: Das Etikett wird ausgestanzt, das Vinyl granuliert und als günstigeres Re-Vinyl wieder verwendet.
Vom Master zur Platte
Der Weg beginnt nicht im Presswerk, sondern beim Lackschnitt. Matter Of Fact lässt fast alles bei Schnittstelle in Berlin schneiden. Dort graviert ein Stichel die Rillen in Echtzeit in eine mit Acetat beschichtete Metallplatte, deshalb muss der Raum komplett schalldicht sein. Die Alternative ist Direct Metal Mastering, bei dem direkt in Kupfer geschnitten wird. Von der Lackfolie geht es in die Galvanik nach Sheffield, wo daraus Mutter und Stamper entstehen. Ein Stamper hält nach Andrés Erfahrung 800 bis 1.000 Platten, dann ist er durch oder reißt.
Parallel entstehen Cover und Etiketten. Und hier steckt eine Fehlerquelle, die André vorher auch niemand erzählt hat: Die Etiketten müssen vor dem Pressen 24 Stunden im Ofen trocknen. Bleibt Feuchtigkeit drin und trifft auf den 200 Grad heißen Dampf, reißt das Label. Werden sie zu lange gebacken, vergilben weiße Etiketten. Matter Of Fact nutzt deshalb ein spezielles Papier, das bis 200 Grad farbecht bleibt.
Was du vor dem Pressen wissen solltest
Für Producer ist der Teil des Gesprächs am wertvollsten, in dem André erklärt, was das Master mit dem Ergebnis macht. Die wichtigsten Punkte:
- Spielzeit kostet Pegel. Eine Seite mit 20 Minuten ist rund 4 dB leiser als eine mit 15 Minuten. Diese 4 dB drehst du zu Hause wieder hoch, und das Grundrauschen gleich mit. Das Optimum ist eine 12-Inch mit wenig Spielzeit auf 45 RPM.
- Harte Hi-Hats gehören nach außen. Je weiter die Nadel zur Plattenmitte kommt, desto eher zerrt es. Tracks mit extremen Hi-Hats deshalb lieber auf A1 als auf A2. Aus demselben Grund ist die 7-Inch für André das schwierigste Format überhaupt.
- Vinyl-Knistern im Master raus. Im Tech House war es eine Zeit lang Mode, Knistern als Effekt einzubauen. Auf der Platte hält das der Käufer für einen Fehler, und das Label bekommt Reklamationen.
- Die Testpressung prüft nicht den Klang. Sie ist dafür da, ob die richtigen Tracks an der richtigen Stelle sind, Engraving und Katalognummer stimmen. Die Maschine wird bei Testpressungen nicht richtig heiß, die finale Pressung klingt besser. Matter Of Fact presst deshalb 20 Testplatten und verschickt die letzten fünf.
Und dann muss ich mich an dieser Stelle selbst korrigieren. In Folge 10 habe ich gesagt, Clear Vinyl sei klanglich das Schlechteste, was man machen kann. André sieht es genau andersherum: Vinyl ist von Natur aus klar, Schwarz entsteht erst durch Farbpigmente. Clear Vinyl hat damit das beste akustische Ergebnis, Schwarz ist ebenfalls sehr gut, schwierig werden Gold und Silber mit ihren Metallpartikeln. Recht hatte ich nur halb: Als DJ ist Clear Vinyl tatsächlich unpraktisch, weil du die Breaks auf der Platte nicht siehst.
Clear Vinyl ist die höchste Qualität, die du haben kannst, weil Vinyl an sich nicht schwarz ist. André Kronert im SINEE Cast #11
Rechnen für Labels: P&D-Deal und die 200er Auflage
200 Platten kosten ein Label in der Herstellung rund 1.800 Euro. Mit dem, was vom Vertrieb pro Platte zurückkommt, steht es am Ende bestenfalls bei plus minus null. Will das Label mehr pro Platte, kostet sie im Shop schnell 21 Euro und fliegt aus dem Warenkorb. André macht sich da nichts vor, sieht aber den anderen Wert: Ein Label und ein Künstler werden mit Vinyl anders wahrgenommen.
Für Labels ohne Budget bietet Matter Of Fact P&D-Deals an, Production and Distribution. Das Presswerk finanziert Pressung und Vertrieb, das Label wird ab der ersten verkauften Platte beteiligt. Früher gab es in solchen Deals, auch bei ihm, erst ab einem Break-Even Geld. Wer dann 190 statt 200 Platten verkaufte, sah nie eine Auszahlung. Bei Matter Of Fact gibt es monatliche Statements, dafür wird bei der Auswahl der Labels genau hingeschaut.
Und Bio-Vinyl? Das ist laut André pro Platte rund 50 Cent teurer, und weniger als ein Prozent der Kunden entscheidet sich dafür. Wie groß der ökologische Vorteil tatsächlich ist, bleibt umstritten. Ich hatte gelesen, dass bio-attributiertes PVC bei einer 140-Gramm-Platte nur 4 bis 6 Prozent CO2 spart.
Wann bin ich fertig?
Zum Schluss ein Satz, der nichts mit Vinyl zu tun hat und trotzdem hängen bleibt. André produziert nebenbei weiter, in seinem Kellerstudio, und geht dort mit zwei fertigen Tracks raus statt mit zehn angefangenen. Nicht nur aus Disziplin, sondern auch, weil oben drei Kinder warten.
Das hat mich die längste Zeit gebraucht als Künstler, nicht zu gucken, wie mach ich was, sondern wann bin ich fertig. André Kronert im SINEE Cast #11
Wenn du selbst Vinyl pressen lassen willst: Matter Of Fact nimmt weiterhin Labels auf. Alles zu Vinylproduktion und Vertrieb findest du auf matteroffact.de, Einblicke in die Halle auf dem YouTube-Kanal des Presswerks.
Die ganze Folge gibt es jetzt auf YouTube und Spotify. Schreib gern in die Kommentare, ob dir die Folgen in dieser Länge gefallen oder ob du lieber kürzere hättest. Die nächste Folge erscheint in zwei Wochen, Donnerstag 18:00 Uhr. Wie immer.