SINEE Cast · Folge 5
Tim Grothe über Clubsterben, DJ-Gagen und 17 Jahre Mauerpfeifer
Die deutsche Clubkultur steckt in der Krise, und kaum jemand sagt so offen warum wie Tim Grothe. Seit fast 17 Jahren betreibt er den Mauerpfeifer in Saarbrücken, einen Club, der aus einem illegalen Baustellen-Rave entstand. Im SINEE Cast spricht er über Clubsterben, explodierende DJ-Gagen und die Frage, ob so ein Laden heute überhaupt noch entstehen könnte.
Wenn man wissen will, wie es der Clubkultur 2026 wirklich geht, lohnt sich ein Gespräch mit jemandem, der seit fast zwei Jahrzehnten mittendrin steht. Tim Grothe betreibt den Mauerpfeifer in Saarbrücken, einen Laden, der so gar nicht in die Schlagzeilen vom Clubsterben passen will. Denn ihn gibt es noch, seit bald 17 Jahren.
In dieser Folge reden wir über die Anfänge aus einem illegalen Rave, über das Bauen in kompletter Eigenleistung, über die explodierenden DJ-Gagen, die der Szene das Geld entziehen, und über einen radikalen Versuch, einen ganzen Monat ohne Eintritt zu öffnen.
Vom illegalen Rave zum Club, der 17 Jahre hält
Tim ist 2009 aus Berlin ins Saarland gezogen, ohne Szene, ohne Geld, ohne großen Plan. Aus der Idee, alle paar Wochen eine Party in einem abrissreifen Gebäude am größten Verkehrsknotenpunkt der Stadt zu schmeißen, wurde Tanz am Kreis, dann die Unsichtbar, später die Uber und ab 2015 der Mauerpfeifer. Gebaut wurde alles selbst, mit Freunden, ohne eine einzige Firma. Neun Monate Umbau für die Erweiterung, neues Dach, komplette Elektrik, Frontmauern raus und neu gemauert. Tims wichtigster Vorteil war von Anfang an, dass es nie Investoren oder Geldgeber gab, denen er Rechenschaft schuldig war. So konnten sie immer einfach das machen, worauf sie Bock hatten, statt dem Mainstream zu folgen. In einer Branche, in der die meisten Clubs nach fünf Jahren durch sind, ist das die eigentliche Sensation.
Wir machen es halt einfach. Tim Grothe im SINEE Cast #5
Warum die DJ-Gagen die Szene auffressen
Deutschland hat in zehn Jahren mehr als die Hälfte seiner Diskotheken verloren. Einer der Gründe, über den Tim besonders offen spricht, sind die DJ-Gagen. Acts, die vor einem Jahr noch 4.000 Euro nahmen, verlangen plötzlich 10.000. Hype-DJs mit kurzer Halbwertszeit treiben die Preise so weit, dass ein Club seiner Größe sie nicht mehr stemmen kann. Am Ende frisst der Headliner bis zu 80 Prozent des Abendbudgets und verdient als Einziger. Tims Kernpunkt, den ich im Gespräch teile: Dieses Geld verschwindet aus der Szene. Die ganz großen Namen stecken ihre Gagen nicht zurück in Kultur, Newcomer, Labels oder eigene Clubs. Eigentlich müssten die Clubs die Gagen bestimmen, nicht die Agenturen. Stattdessen läuft die Wertschöpfung verkehrt herum, und ausgerechnet die, die die Kultur am Leben halten, werden geschröpft.
80.000 Euro für zwei Stunden auflegen, dieses Geld wird aus dem Markt gezogen und ist weg. Tim Grothe im SINEE Cast #5
Ein Monat ohne Eintritt
Tims Antwort darauf ist radikal pragmatisch. Im Januar hat der Mauerpfeifer einen ganzen Monat lang keinen Eintritt genommen, Viva la Underground. Statt das Programm auf ein teures Zugpferd zu setzen, rücken die Musik und der Club selbst in den Mittelpunkt. Das Ergebnis war eindeutig. Der Laden war doppelt bis dreifach so voll wie sonst, Leute standen teils bis sieben Uhr morgens an, und es kamen viele neue Gäste. Bei einem normalen Eintritt zwischen 12 und 18 Euro reicht also schon das Weglassen der Tür, um deutlich mehr Menschen in den Club zu holen. Die fehlenden Einnahmen fängt der Mauerpfeifer über die eigene Gastronomie zumindest teilweise auf, etwas, das ein externer Veranstalter so nie machen könnte.
Der Club als Freiraum, und ob das heute noch geht
Für Tim ist ein Club mehr als Party und Musik. Er hat eine soziale Funktion, ein Freiraum, in den Menschen kommen, wenn Krisen anstehen oder sie einfach Stabilität und ein bisschen Flucht aus dem Alltag brauchen. Genau deshalb macht er den Laden fast jedes Wochenende auf, auch wenn der Freitag oft unwirtschaftlich ist. Trotz Bundestags-Beschluss, dass Clubs Kultur sind, und Technokultur als immaterielles Kulturerbe, ändert sich praktisch wenig. Förderungen sind an hohe Auflagen geknüpft oder sofort abgegriffen, während die Hochkultur aus öffentlichen Haushalten lebt. Und würde er heute noch einen Club gründen? Tim winkt ab. Durch Social Media und die Geschwindigkeit, mit der Behörden auf alles reagieren, wäre der Weg, den er 2009 gegangen ist, kaum noch möglich.
Ich würde jedem davon abraten, einen Club zu machen. Tim Grothe im SINEE Cast #5
Was bleibt, ist ein Gespräch über Leidenschaft, Eigenleistung und die Frage, wie viel Kommerzialisierung eine Szene verträgt, bevor sie ihre Seele verliert. Die ganze Folge gibt es jetzt auf YouTube und Spotify. Wenn dir der SINEE Cast gefällt, abonniere die Reihe, lass einen Kommentar da und sag uns, welchen Gast du als Nächstes hören willst. Die nächste Folge erscheint in zwei Wochen, Donnerstag 18:30 Uhr. Wie immer.