Editorial · Musikkultur
Boards of Canada, warum dieser Sound nach Nostalgie klingt und wie du ihn in Ableton baust
Boards of Canada klingt wie eine Erinnerung, die du nicht ganz greifen kannst. Vertraut, warm, ein bisschen verloren. Dieses Gefühl ist kein Zufall, es hat einen historischen Ursprung und vier konkrete produktionstechnische Entscheidungen. Beide Ebenen kannst du verstehen und im Rechner nachbauen.
Boards of Canada veröffentlichen mit Inferno nach dreizehn Jahren wieder ein Album, zwei Singles sind bereits draußen. Für mich ist das der perfekte Anlass, einer Frage nachzugehen, die mich seit Jahren beschäftigt. Warum macht der Sound dieser Band etwas mit mir, das ich kaum in Worte fassen kann? Es ist nicht einfach schöne Musik, es ist ein Gefühl von Erinnerung, von etwas Vertrautem, das ich so nie wirklich erlebt habe. In diesem Artikel zerlege ich, woher dieses Gefühl kommt. Im Video darunter zeige ich dir vier Techniken, mit denen du es in Ableton selbst aufbaust.
Eine Erinnerung, die du nie hattest
Boards of Canada sind zwei Brüder aus Schottland, Michael und Marcus Sandison. Sie machen seit Mitte der 90er Jahre Musik unter diesem Namen und sind so ziemlich das Gegenteil von modernem Künstler-Marketing. Kaum Interviews, kaum Auftritte, keine Social-Media-Präsenz. Bekannt geworden sind sie 1998 mit ihrem Debüt Music Has The Right To Children auf Warp Records, demselben Label wie Aphex Twin und Autechre. Ihre Musik liegt irgendwo zwischen Ambient, Downtempo, Triphop und IDM.
Aber egal, was sie machen, ob ruhige Stücke ohne Beat oder zerhackte Breakbeats, es liegt immer dieser eine Filter darüber. Eine Färbung, die sich anfühlt, als hätte jemand die Aufnahme aus einem alten Schrank ausgegraben. Ihre Melodien wirken, als kämen sie aus deiner Kindheit, obwohl es sie nie gab. Genau das ist das Phänomen, das den ganzen Sound trägt. Vertraut und gleichzeitig unmöglich zu verorten.
Boards of Canada klingen nach Nostalgie, irgendwie so vertraut. Also wie eine Erinnerung, die man nicht ganz greifen kann.
Der Klang einer verlorenen Zukunft
Diese Soundästhetik hat eine ziemlich konkrete historische Adresse, die 60er und 70er Jahre. Es geht um eine Klanglandschaft, die damals in Schulfilmen, Naturdokumentationen und im Bildungsfernsehen entstanden ist. Wer in Großbritannien aufgewachsen ist, kennt sofort den Sound vom BBC Radiophonic Workshop, einer Abteilung, in der ab Ende der 50er Jahre experimentelle elektronische Musik für Funk und Fernsehen produziert wurde, mit Bandmaschinen und den allerersten Synthesizern.
Dort hat Delia Derbyshire gearbeitet, eine der prägendsten Figuren der frühen elektronischen Musik. Sie hat 1963 das Doctor-Who-Theme elektronisch realisiert, in einer Zeit ohne Synthesizer im heutigen Sinn. Sie hat einzelne Klänge auf Tonband geschnitten, rückwärts laufen lassen, verlangsamt und zusammengeklebt. Genau dieser Sound, der damals als modern galt und eine Zukunft akustisch zeichnen sollte, wirkt heute auf uns nostalgisch.
Was damals den höchsten Stand der Technik markiert hat, eine wackelige Bandmaschine und ein paar handgebaute Tongeneratoren, das ist heute genau das, was uns sofort in die Kindheit zurückkatapultiert. — Björn Torwellen
Hauntology, ein Begriff für dieses Gefühl
Dieses Gefühl hat einen Namen bekommen, geliefert vom britischen Theoretiker Mark Fisher. In seinem Buch Ghosts of My Life von 2014 übernimmt er den Begriff Hauntology, den der französische Philosoph Jacques Derrida 1993 geprägt hat. Hauntology ist ein Wortspiel mit Ontology, der Lehre vom Sein. Die Idee, die Fisher daraus auf Musik überträgt, lautet: Die Gegenwart wird heimgesucht von einer Zukunft, die nie eingetreten ist.
Die Kultur der 60er und 70er hat einen audiovisuellen Raum produziert, der eine sauberere, hoffnungsvollere, technisch fortschrittlichere Welt versprochen hat. Diese Welt ist so nie gekommen. Aber der Sound, der sie angekündigt hat, existiert noch. Wenn du heute einen Boards-of-Canada-Track hörst, hörst du deshalb nicht einfach Nostalgie. Du hörst eine Zukunft, die dir mal versprochen wurde und die nicht stattgefunden hat. Genau das macht diesen Sound so eigenartig schmerzhaft schön.
Genau diese Schicht, also nicht nur Knöpfe drehen, sondern verstehen, warum etwas musikalisch und kulturell funktioniert, gehen wir im EMP, dem Komplettprogramm für elektronische Musikproduktion mit einem eigenen großen Musiktheorie-Modul Schritt für Schritt durch.
Vier Bausteine, mit denen du den Sound baust
Aus dem kulturellen Verständnis folgen vier konkrete produktionstechnische Entscheidungen. Wichtig dabei: Jeder dieser Tricks ist ein kulturelles Argument, kein reiner Technik-Move. Er beschwört die verlorene Klangwelt, von der wir gerade gesprochen haben.
Der erste Baustein ist Pitch-Drift. Töne in BoC-Tracks stehen nie ganz still, sie schweben minimal. Im Tontechnik-Jargon heißt das Wow und Flutter, das ungleichmäßige Laufen einer Bandmaschine. Du baust es mit einem langsamen LFO auf die Tonhöhe und einer Tape-Emulation. Der zweite Baustein ist Rauschen und Sättigung, die Schmutz-Schicht aus Erosion im Noise-Modus, Saturator und einem leisen Crackle-Loop. Der dritte ist Resampling: Du nimmst einen ganzen Akkord als Audio auf, legst ihn in den Sampler und spielst ihn chromatisch, die Pitch-Artefakte sind Teil des Sounds. Der vierte Baustein ist Harmonik. Boards of Canada lassen die Terz weg und stapeln stattdessen reine Quinten übereinander.
Gestapelte Quinten klingen weder nach Dur noch nach Moll, sondern nach Raum, nach Weltraum, nach einer offenen, unaufgelösten Zukunft.
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Hier den Boards of Canada-izer herunterladenWerkzeuge statt Kopie
An dieser Stelle ist mir ein Punkt wichtig. Das Ziel ist nicht, Boards of Canada eins zu eins zu kopieren. Ihr Werk ist viel zu spezifisch, und eine Kopie bleibt immer eine Kopie. Spannend wird es, wenn du die einzelnen Werkzeuge aus ihrem Zusammenhang löst und sie in deine eigene Musik mitnimmst.
Pitch-Drift, Sättigung, Resampling und gestapelte Quinten sind kein Privatbesitz dieser Band. Sie sind ein Vokabular. Du kannst eine moderne Techno-Produktion mit einer Schmutz-Schicht erden, du kannst ein Pad mit gestapelten Quinten ins Offene drehen, du kannst einen Akkord-Sampler bauen, ohne dass am Ende etwas nach Schottland in den 90ern klingt.
Es geht nicht darum, Boards of Canada zu kopieren. Es geht darum, die Werkzeuge zu verstehen, die diesen Effekt auslösen. — Björn Torwellen
Wenn du verstehst, warum ein Sound wirkt, hörst du auf zu kopieren und fängst an, mit Absicht zu komponieren. Das ist der eigentliche Gewinn an diesem ganzen Thema.
Boards of Canada lösen diese Erinnerung in uns aus, weil sie eine Klangwelt aufgreifen, die historisch eine konkrete Adresse hat, die Zukunftsversprechen der 60er und 70er Jahre, eingefangen auf Tonband. Im Rechner kannst du das nachbauen, wenn du die vier Techniken kombinierst und verstehst, was sie kulturell bedeuten. Wer tiefer in Harmonik, Voicings und Musiktheorie einsteigen will, findet den ganzen Weg strukturiert aufbereitet im EMP, dem Komplettprogramm für elektronische Musikproduktion.