Editorial · Mikrotonalität & Musiktheorie
Angine de Poitrine, Mikrotonalität und 24 Töne in Ableton
Angine de Poitrine spielen mit 24 Tönen pro Oktave statt der gewohnten 12 und werden dafür als Game Changer gefeiert. Tatsächlich ist Mikrotonalität Jahrhunderte alt und in der elektronischen Musik längst Alltag. Was die Band besonders macht, ist nicht das WAS, sondern das WIE.
In den letzten Wochen wurde ich immer wieder gefragt, was an dieser Band Angine de Poitrine eigentlich besonders ist. Die Pappmaschée-Masken, die Doppelhals-Gitarre mit 54 Frets statt der üblichen 22, der ungewohnte Klang. Klar ist, da klingt etwas anders. Aber dieser Sound ist nicht aus dem Nichts entstanden, und auch nicht so neu, wie es im Feed gerade wirkt.
Ein Ton ist nichts anderes als eine Frequenz
Bevor wir über 24-TET reden, eine Sache vorweg. Ein Ton ist nichts anderes als eine Schwingung pro Sekunde, gemessen in Hertz. Der Kammerton A ist 440 Hertz, das A eine Oktave höher 880. Was wir Töne nennen, sind also nur bestimmte Frequenzen, denen wir irgendwann Namen gegeben haben.
Zwischen 440 und 880 Hertz liegen unendlich viele Frequenzen. Welche davon wir auswählen und benennen, ist eine Konvention, kein Naturgesetz. Im Westen haben wir uns auf 12 Halbtöne pro Oktave geeinigt. Das ist ein Kompromiss zwischen klingt gut und ist spielbar.
Theoretisch gibt es zwischen 440 Hertz und 880 Hertz unendlich viele Frequenzen. Wir Menschen brauchen aber Spielbarkeit.
Mikrotonalität ist Jahrhunderte alt
Die arabische Musiktradition kennt das Maqam-System mit 24 Tönen pro Oktave, exakt das, was Angine de Poitrine machen. Die indische klassische Musik nutzt 22 Shrutis pro Oktave, die türkische Klassik teilt theoretisch sogar in 53 Stufen. Mehrere hundert Millionen Menschen hören seit Jahrhunderten Musik mit mehr als 12 Tönen.
In der westlichen Avantgarde wurde 24-TET schon 1823 vorgeschlagen, Charles Ives und Wendy Carlos haben damit experimentiert. In der elektronischen Musik ist Mikrotonalität ohnehin oft Alltag, nur nennen wir es selten so. Jeder Detuning-Effekt im Synth, jeder TB-303-Slide, jedes Tape-Drift im Dub Techno arbeitet mit Frequenzen zwischen den Tönen.
Mikrotonalität ist nicht neu. Sie ist sogar uralt. — Björn Torwellen
Akkorde in 12-TET, Vierteltöne in der Lead
Angine de Poitrine spielen nicht random in 24 Tönen, sondern nach einem klaren System. Die Akkorde bleiben in den meisten Fällen in normaler 12-Ton-Stimmung, die Mikrotonalität sitzt nur in der Lead-Stimme. Dein Ohr hat also einen vertrauten Anker, über dem eine Linie tanzt, die zwischen den bekannten Tönen Zwischentöne setzt. Genau diese Reibung empfinden viele als das Neue an der Band.
Melodisch nutzt die Band häufig die Hijaz-Skala aus der arabischen Musiktradition, benannt nach der Hedschas-Region in Saudi-Arabien. Du kennst Hijaz, ohne es zu wissen. Misirlou, die Surfgitarre aus Pulp Fiction, ist eine westliche Variante davon. Die Skala hat eine übermäßige Sekunde, also einen ungewöhnlich großen Schritt zwischen zwei Stufen, der ihr diesen exotischen Charakter gibt.
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Microtuning in Ableton Live 12
Seit Live 12 hat Ableton ein eingebautes Tuning-System. Im Browser findest du unter Tunings einige Stimmungen, darunter 24-TET und verschiedene Maqam-Skalen. Du ziehst die per Drag-Drop auf einen Track, spielst eine MIDI-Note ein und sie klingt nach diesem System. Pro Track lässt sich die Tuning bypassen, also Drums und Bass in 12-TET lassen, nur den Lead-Synth mikrotonal stimmen. Genau wie Angine de Poitrine es machen.
Das funktioniert nur mit Ableton-eigenen Instrumenten, also Operator, Wavetable, Sampler, Drift, Meld, Analog. Wenn du Serum, Vital oder andere Drittanbieter-Plugins nutzt, brauchst du MTS-ESP von ODDsound. Die Mini-Version ist kostenlos. Wer noch auf Live 11 oder älter sitzt, muss mit Pitch-Bend-Automation oder Sampler-Detune arbeiten. Das geht, ist aber deutlich umständlicher.
Mikrotonalität ist eigentlich der Normalfall, 12-TET ist die Ausnahme.
Hypnotic Techno macht das längst, nur ohne Namen
Im hypnotischen Techno, in dem ich mich seit Jahren bewege, ist das, was Angine de Poitrine machen, eigentlich Alltag. Nur nennt es da keiner Mikrotonalität. Wir nehmen einen Oszillator, modulieren den Pitch mit einem langsamen LFO, der Pitch wandert kontinuierlich und ungerastert durch die Frequenzen. Genau das ist pure Mikrotonalität, ohne dass du jemals eine Skala laden musst.
Detune zwischen zwei Oszillatoren, leichter Drift im Filter, Sample-and-Hold auf den Pitch, Vibrato auf dem Sub, der Acid-Slide auf der 303. Alles davon arbeitet zwischen den Tönen. Im Modular-Bereich ist es noch radikaler, weil 1 Volt pro Oktave nur eine Konvention ist. Ohne Quantizer ist jeder Modular-Sweep mikrotonal.
In dem Genre, das ich am meisten höre, im hypnotischen Techno, ist das, was Angine de Poitrine machen, eigentlich Alltag. — Björn Torwellen
Was die Band spannend macht, ist also nicht, dass sie Mikrotöne benutzt. Sondern dass sie das im Format einer Rock-Band auf einer fest gestimmten Custom-Gitarre tut und in ein kompositorisches System gegossen hat. Auf der elektronischen Seite war diese Welt schon immer offen, wir sind nur nicht daran gewöhnt, ihr einen Namen zu geben.
Keine neue Musikrichtung also, sondern eine kluge Evolution. Vielleicht löst diese Band eine Welle aus, die Mikrotonalität aus dem Avantgarde-Reservat in die Popkultur trägt, und das wäre tatsächlich neu. Wenn du strukturiert in die Welt der elektronischen Musikproduktion einsteigen willst, schau dir Electronic Music Production 1+2 an.