„80% deiner Tracks scheitern am Fundament" — Hidden Empire über den Workflow, der ihnen den Spaß am Produzieren zurückgegeben hat
Hidden Empire gehören seit Jahren zu den konstantesten Stimmen im melodischen Techno. Im Gespräch mit SINEE erklärt das Duo, warum für sie jeder Track am Fundament entschieden wird, wie zwei getrennte Produktionsprozesse ihren Alltag retten, und warum das Schwerste am Musikmachen nicht das Handwerk ist, sondern die Freude daran zu behalten.

Vom Kinderzimmer zum Ritterschlag
Der Weg begann wie bei so vielen: mit einem Traum, der sich in Etappen materialisierte. Plattenspieler bei Freunden ausprobieren, das erste Produzentenprogramm öffnen, nebenher in der Bar jobben, um sich das Equipment leisten zu können. Dann: Kinderzimmer, Geburtstage, erste Clubs.
„Gerade am Anfang ist es ja so, dass man einen großen Traum hat, mit Musik Geld zu verdienen, und man erst schrittweise da reingeführt wird", erzählt Hidden Empire. „Ich habe lange in der Bar gejobbt, um mir die ersten Plattenspieler kaufen zu können. Und dann habe ich angefangen, bei meinen Eltern im Kinderzimmer aufzulegen."
Der eigentliche Wendepunkt kam mit Oliver Koletzkis Label Stil vor Stil. Zu einer Zeit, in der Olli sein A&R noch selbst machte, fiel das persönliche „Ich finde den Song cool" wie ein Ritterschlag.
„Der Plattenvertrag bei Oliver Koletzki, das war natürlich Wahnsinn. Damals war es der absolute Ritterschlag, eines der bekanntesten deutschen Labels. Das war ein absolut abgefahrenes Gefühl."
Wenn aus Spaß Beruf wird
Mit dem Erfolg kommt jedoch eine Veränderung, über die im Producer-Umfeld selten offen gesprochen wird. Was einmal reine Freude war, bekommt plötzlich eine Zielvorgabe. Aus dem Experiment wird ein A-Track, aus dem Loop ein B-Track, aus dem Spiel ein Kalkül.
„Vom Hobby-DJ, der einfach das macht, was ihm Spaß macht, dazu, dass gewisse Zahlen geschrieben werden müssen, hat sich einiges geändert. Man denkt nicht mehr: Das ist meine künstlerische Freiheit, sondern: Was könnte funktionieren, was ist ein A-Track, was ist ein B-Track?"
Dass Hidden Empire in diesem Spannungsfeld überhaupt produktiv bleiben, hat auch mit der Konstellation als Duo zu tun. Einer mischt besser, der andere ist kreativer. Einer ist gewissenhafter, der andere verfeierter. Gerade bei Entscheidungen auf Tour oder bei der Auswahl, welcher Track überhaupt Single werden darf, hilft die zweite Meinung.
„Man hat ganz oft Situationen, in denen man nicht genau weiß, was der richtige Weg ist, wann man zusagt, wann man absagt. Da ist es natürlich schön, noch eine zweite Meinung zu haben, jemanden, der einen rückversichert."
Foundation First: die 80%-Regel
Das Herzstück des Hidden-Empire-Workflows ist eine Trennung, die trivial klingt und den Unterschied ausmacht. Hidden Empire unterscheiden zwischen Kit-Produktion und Track-Produktion. Das Kit, also Bassdrum, Bass, Clap, Open Hihat und Percussions, wird separat gebaut, poliert und abgelegt. Erst dann beginnt eigentliche Songwriting.
„Bei elektronischer Musik ist es immer so: Wenn Bassdrum, Clap und Open Hihat sitzen, dann sind schon 80% der Produktion im Club gut. So gut, dass der Track gegen andere Tracks nicht an Energie verliert."
Der Effekt dieser Trennung ist doppelt. Zum einen ist die mühsame Arbeit an der Soundqualität vom kreativen Prozess entkoppelt. Zum anderen entsteht eine Art internes Werkzeugkasten-System, auf das sich das Duo verlassen kann.
„Bei uns gibt es zwei Arten von Produktionsprozessen: die Kit-Produktion und die Trackproduktion. Nicht jedes Kit wird ein Track, aber jeder Track hat ein stabiles Kit drin." Manche dieser Kits sind erstaunlich langlebig: „Wir haben bewährte Bassdrums, die benutzen wir wirklich schon seit sechs, sieben Jahren. Mit einzelnen Kits haben wir halbe Alben fertig gemacht."
Wer genau verstehen will, wie Hidden Empire dabei vorgehen, findet die vollständige Anleitung in ihrer Masterclass bei SINEE, in der sie ihren kompletten Produktionsprozess offenlegen.
Ideen testen, statt Tracks fertigstellen
Ein oft unterschätzter Teil des Workflows findet nicht im Studio statt, sondern auf dem Floor. Hidden Empire nutzen ihre DJ-Sets bewusst als Testumgebung für unfertige Ideen. Ein stabiles Kit reicht, um in zehn Minuten eine skizzierte Hook auf Club-Niveau zu bringen und live zu überprüfen, ob sie trägt.
„Im DJ-Set nehmen wir manchmal Tracks mit, die gar nicht so fertig sind, bei denen es nur darum geht, die Idee zu testen, ob sie stark genug ist. Da kann man mit einem Kit erstmal die Idee austesten."
Im Live-Set hingegen laufen ausschließlich fertig gebaute Tracks. Der Aufwand, einzelne Parts bühnentauglich zu zerlegen, ist zu hoch, um spontan zu experimentieren. Die klare Arbeitsteilung zwischen DJ-Set (Testlabor) und Live-Set (Konzert) entlastet beide Formate.
Und KI? Sie ist Teil des Werkzeugkastens, aber nicht der Autor. „Komplette Songs schreiben lassen oder die Grundidee von der KI machen lassen, das sehen wir nicht so. Aber als Tool, das einem die Fleißarbeit abnimmt, EQs, Resonanzen rausziehen, finden wir das spannend."

Familie, Fokus und die Rückkehr der Freude
Der ehrlichste Moment des Gesprächs kommt, als es um die Veränderung durch Familie geht. Die Leichtigkeit, stundenlang an einem Synthesizer zu sitzen und über Zufall zu Ergebnissen zu kommen, existiert in dieser Lebensphase schlicht nicht mehr.
„Kreativ auf Knopfdruck ist ein schwieriges Thema. Im einen Moment ist man Familienvater und kümmert sich um Familienthemen, im nächsten Moment muss man sein Denken komplett umswitchen auf Bassdrums und EQing."
Auch die Tour hat ihre alte Freiheit verloren. „Früher habe ich Touren teilweise massiv verlängert, weil ich gesehen habe: Da haben wir gerade keine Folgeshow, dann bleibe ich einfach hier. Heute warten zu Hause Leute auf mich, für die ich verantwortlich bin."
Genau an diesem Punkt wird klar, warum der Foundation-first-Ansatz nicht nur eine technische Methode ist, sondern eine Überlebensstrategie. Wer kaum noch Zeit hat, kann es sich nicht leisten, sich in zehn halbfertigen Baustellen zu verlieren.
„Ich hatte lange Zeit in meinem Leben, in der ich sehr viel produziert habe und keinen guten Outcome hatte", erzählt Hidden Empire. „Wenn man macht und macht und macht, aber nichts Gutes dabei rauskommt, und man hört einen Vergleichstrack und der klingt so viel besser, dass man sich klein fühlt. Das hat mir den Spaß und die Motivation genommen."
Der Ausweg: Baustellen trennen. Fundament separat erledigen. Danach ausschließlich schreiben.
„Wenn man ein gutes Fundament hat, muss man sich nur noch um Songwriting fokussieren, und nicht mehr darauf, ob der Track jetzt fett klingt. Das hat man dann schon in einem anderen Schritt gemacht."
Es ist ein unspektakuläres Fazit, und genau das ist die Stärke. Keine Geheimwaffe, kein Plugin, keine Lieblings-Bassdrum. Sondern eine klare Arbeitsweise, die das Musikmachen wieder zu dem macht, was es am Anfang war. Hidden Empire haben den ganzen Workflow in einer Masterclass bei SINEE detailliert aufgeschlüsselt, vom ersten Kit bis zum fertigen Track.