SINEE Cast · Folge 03
Hannibal über Technokultur, Love Parade und warum Techno Förderung braucht
Technokultur oder Spaßindustrie? Hannibal ist Aktivist, Podcaster und Lifestyle-Vertreter der Berliner Techno-Szene. Im SINEE Cast #03 reden wir über Werte, Schutzräume, die Love Parade und die Frage, ob Techno als Kultur gefördert werden muss, oder ob das schon Teil des Problems ist.
Hannibal sagt von sich selbst, er sei kein Musiker, sondern Lifestyle-Vertreter. Er lebt die Szene, kuratiert sie, streitet auf TikTok für sie und führt eine Galerie in Berlin-Moabit. Wenn er über Technokultur redet, klingt das anders als die UNESCO-Sprache, die seit März 2024 das Genre offiziell ins Immaterielle Kulturerbe gehoben hat. Bei ihm ist Techno kein Musikstil, sondern ein Stammesritual, in dem die DJs die Zeremonienmeister sind und der Floor der Ort der Auflösung.
Das ist ein guter Ausgangspunkt für ein Gespräch über die Frage, was eigentlich konstitutiv für unsere Kultur ist. Hip-Hop hat seine fünf Säulen, Punk hat seinen DIY-Kodex. Techno hat Unsichtbarkeit als Verteidigungsstrategie, und die ist gegen die Kommerzialisierung der letzten Jahre schwach. Wir reden über die Love Parade, McFit, Berghain, Schutzräume, Foto-Verbote, den Berliner Senat und die ehrliche Frage, ob die Subkultur überhaupt noch eine Subkultur ist.
Was ist Technokultur eigentlich, jenseits der Musik?
Für Hannibal ist Technokultur kein Genre, sondern eine Lebensform. Die Musik ist die Form, der Lifestyle ist der Inhalt. Auf die Frage, was Techno für ihn bedeutet, antwortet er ungefiltert: ein Gegenentwurf zur Mainstream-Gesellschaft, in dem Hierarchien wegfallen, in dem jeder gleich ist, in dem das Verbindende über dem Trennenden steht. Die Floor-Trance ist für ihn eine Stammespraxis, eine Art moderner Ritualraum. Wenn die Anonymität fällt, fällt die Kultur. Das ist eine starke These und sie steht im Widerspruch zur DJ-Star-Logik, die die letzten 20 Jahre den Markt geprägt hat.
Techno ist ein Treffen von Außerirdischen auf dieser Erde, die sich zu bestimmten Tönen treffen und in Trance fallen wie Stammesmenschen. Die DJs sind die hohen Priester. Hannibal im SINEE Cast #03
Love Parade, McFit und die Frage nach dem Spirit
Ein historischer Wendepunkt steht im Gespräch früh auf dem Tisch. 2006 verkaufte Dr. Motte die Marke Love Parade an Rainer Schaller, den Gründer von McFit. Sein späterer Kommentar, dass nur der Name verbrannt wurde und der Spirit in Berlin geblieben sei, ist die prototypische Geschichte für die Erosion einer Bewegung. Was sich vermarkten ließ, wanderte ab. Was übrig blieb, war die Substanz, aber ohne sichtbare Verteidigerinnen. Hannibal erzählt diese Geschichte als Beispiel für ein größeres Muster, das auch beim Berghain-Türstehermythos und beim Hyper-Techno-Boom funktioniert. Die Außenwelt nimmt Symbole mit, die Substanz bleibt zurück und droht zu verschwinden, weil sie unsichtbar gehalten wurde.
Du hast keinen Bezug zu Substanz, also kannst du Substanz nicht verteidigen. Hannibal im SINEE Cast #03
UNESCO, Schutzräume und die Erosion des Bezugs
Seit dem 13. März 2024 ist Technokultur offiziell anerkanntes Immaterielles Kulturerbe in Deutschland. Das Dossier nennt 4/4-Rhythmus, Raves, Modeästhetik, autodidaktische Weitergabe und Berliner Freiräume. Werte: Diversität, Respekt, Offenheit. Was offiziell fehlt, ist auffällig. Queerness, Safe Space, Substanzkultur, das anonyme Verschmelzen mit der Masse. Genau die Elemente, die in der akademischen Literatur seit den 90ern als konstitutiv beschrieben werden. Hannibal sieht in der Anerkennung eine Chance, weist aber auf das Risiko hin, dass eine Förder-Sprache die Substanz glättet. Schutzräume entstehen nicht durch Förderbescheid, sie entstehen, weil Menschen sich um sie kümmern. Wenn der Bezug zur Substanz fehlt, kann man auch nicht das Richtige fördern.
Aktivismus, Senat und der Kampf um neue Räume
Hannibal kuratiert UnityCode, betreibt eine Galerie in Berlin-Moabit und nutzt TikTok als politische Bühne. Er erzählt, wie zäh die Zusammenarbeit mit dem Berliner Senat war, wie schwer es ist, in einer Stadt, die das Wort Clubkultur dauernd im Mund führt, tatsächlich Räume zu bekommen. Gleichzeitig hat er auf TikTok eine Reichweite aufgebaut, die offizielle Kulturpolitik nicht hat. Er versteht das nicht als Selbstvermarktung, sondern als Aktivismus. Twitch könnte für ihn der nächste Schritt sein. Es ist eine Strategie der zwei Geschwindigkeiten. Die langsamen Räume offline halten, gleichzeitig die schnellen Räume online besetzen.
Du willst nicht Fotos machen, du willst nicht dies, du willst nicht das. Du willst tanzen. Du bist wegen dieser Musik da. Hannibal im SINEE Cast #03
Das Gespräch endet ohne klare Antwort auf die Förder-Frage, weil es keine gibt. Was bleibt, ist ein Plädoyer für den Bezug. Wer die Kultur verteidigen will, muss sie kennen. Wer fördern will, muss verstehen, was zu fördern ist. Und wer dabei sein will, sollte den Mut haben, die Kamera einzustecken und einfach zu tanzen. Die ganze Folge gibt es jetzt auf YouTube und Spotify. Wenn dir der SINEE Cast gefällt, abonniere die Reihe, lass einen Kommentar da und sag uns, welchen Gast du als Nächstes hören willst. Die nächste Folge erscheint in zwei Wochen, Donnerstag 18:30 Uhr. Wie immer.