SINEE Cast · Folge 02
Chris Liebing über sein Album Evolver, 100% human made und das Kidnapping von Techno
Mit Evolver legt Chris Liebing auf seinem Label CLR sein erstes echtes Soloalbum vor, mit der Aufschrift 100% human made auf dem Cover. In dieser Folge spricht er offen über KI in der Musik, Ghost Producing in den 90ern und warum die Techno-Szene gerade gekidnappt wird.
Es gibt Momente, in denen ein Album nicht nur ein Album ist, sondern eine Haltung. Chris Liebings Evolver, am 27. März 2026 auf seinem Label CLR erschienen, ist genau so ein Moment. 13 Tracks, dazu Kollaborationen mit Luke Slater, Charlotte de Witte, Speedy J, The Advent, Terence Fixmer, Pascal Gabriel und Mute-Gründer Daniel Miller. Foto-Mastermind ist Anton Corbijn, derselbe Mann, der Joy Division, U2 und das gesamte visuelle Universum von Depeche Mode geprägt hat.
Und auf dem Cover steht ein Satz, der sich liest wie eine Warnung: 100% human made. Drei Worte, mit denen Chris eine Linie zieht, in einer Zeit, in der laut Industrie-Schätzungen rund die Hälfte aller neuen Tracks auf Spotify schon KI-generiert sind. In dieser zweiten Folge des SINEE Cast spricht Björn Torwellen mit ihm über genau diese Linie, über drei Jahrzehnte Techno und über die Frage, was vom Underground noch übrig ist, wenn der Algorithmus die Bookings macht.

Warum Musik bald wie Bio gelabelt wird
Chris zieht eine Analogie, die hängen bleibt. Er erinnert daran, dass Lebensmittel früher selbstverständlich biologisch waren, ohne Label, weil es gar nichts anderes gab. Erst als Gentechnik und Zusatzstoffe Standard wurden, entstand das Bio-Label als Premium-Marker. Genau diese Bewegung sieht er in der Musik. Was heute selbstverständlich noch von Menschen gemacht ist, wird in 20 Jahren das Sondersiegel sein, das man eigens auf das Cover schreiben muss, damit es jemand merkt.
100% human made, das habe ich auf das Album draufgeschrieben. In 30 Jahren wird irgendein Archäologe das auspacken und sagen, guck mal, der wusste schon, dass man da 100% human made draufschreiben muss, damit es etwas Besonderes ist. Chris Liebing im SINEE Cast #02
Wichtig dabei: Chris ist kein KI-Verweigerer. Er ist neugierig, was die Technologie für Musikproduktion ermöglichen kann. Aber er unterscheidet zwischen Werkzeug und Abkürzung. Drum-Computer und Synthesizer waren Werkzeuge, die einen ganzen Genre-Kosmos eröffnet haben. Eine Box, in die man drei Sätze tippt und ein fertiger Track herauskommt, ist keine Erweiterung, sondern eine Verdrängung. Die Frage ist nicht, ob KI kommt, sondern was passiert, wenn der Prozess wegfällt.
Ghost Producing, die ehrliche Wahrheit aus den 90ern
Eines der ehrlichsten Kapitel der Folge dreht sich um eine Praxis, über die in der Techno-Szene wenig gesprochen wird. Chris erzählt, wie er Ende der 90er mit seinem damaligen Studio-Partner Andre Walter den Schritt gemacht hat, Platten nur noch unter dem eigenen Namen zu veröffentlichen. Kein Ego-Move, sondern eine reine Business-Entscheidung. Wer in einem Plattenladen in New York eine Platte mit nur einem Namen drauf gefunden hat, wurde im Club gebucht. Wer mit Co-Producer kam, wurde es vielleicht erst nächstes Jahr. Mehr Bookings bedeuteten mehr Geld, mehr Geld bedeutete mehr Equipment, mehr Equipment bedeutete bessere Tracks für beide.
Genauso offen spricht er über seine Mute-Alben Burn Slow und Another Day, die mit Ralf Hildenbeutel co-produziert waren. Im Rückblick, sagt er, hätte er sie unter einem Projektnamen veröffentlichen müssen, statt unter Chris Liebing solo. Das war Ego, kein Plan. Die Beichte ist ungewöhnlich offen für eine Szene, in der ansonsten alle so tun, als säßen sie immer alleine im Studio und drehten alle Knöpfe selbst. Genau das ist der Unterschied zu Ghost Producing heute, wo Producer für 200 oder 1000 Euro einen Track abgeben und im Credit unsichtbar bleiben.

Die Mittelklasse-DJs sterben aus, Techno wurde gekidnappt
Die schärfsten Sätze der Folge fallen, als wir auf die heutige Festival-Landschaft kommen. Chris vergleicht das Time-Warp-Lineup von vor zehn Jahren mit dem aktuellen. Viele Namen, die heute ganz oben stehen, hätten dort vor 2016 nie im Leben gespielt. Die Techno-Stages werden mit kommerziellem Sound bespielt, weil Veranstalter Tickets verkaufen müssen, und die zahlen die Leute eben für Acts, die sie aus Reels und TikToks kennen. Daneben verschwindet die Mittelklasse der DJs, weil das Budget für Superstar-Gagen draufgeht und für alles dazwischen kein Geld mehr da ist.
Die Techno-Szene wurde gekidnappt. Was jetzt läuft, ist im Grunde ein kommerzieller Sound, der früher auf einer Trance-Party gespielt hätte. Heute heißt das Trance-Party-Lineup einfach Techno-Stage. Chris Liebing im SINEE Cast #02
Dazu kommen Eintrittspreise, die in Ibiza für eine Nacht im Club bis zu 200 Euro erreichen können. Wer kann sich noch leisten, jedes Wochenende auszugehen? Die Antwort lautet, wer sowieso schon im Jet-Set unterwegs ist. Der Effekt: Die Szene spaltet sich in eine kleine Konsumenten-Elite und einen großen Rest, der einmal im Monat den krassesten DJ ansteuert, weil das Geld nichts anderes mehr hergibt. Was dabei verloren geht, sind die kleinen Clubs, in denen Kultur überhaupt erst entsteht.
Anton Corbijn, Evolver und der Wert des physischen Albums
Dass Anton Corbijn die Fotos für Evolver geschossen hat, ist keine Petitesse. Corbijn hat Joy Division porträtiert, das Joshua-Tree-Cover für U2 fotografiert, David Bowie über Jahre begleitet und gilt als der visuelle Mastermind hinter Depeche Mode. Chris hat ihn ins Blaue hinaus angefragt, über sein Label-Verhältnis zu Mute. Zwei Tage Shooting in Antwerpen, und das Ergebnis ist ein Album, das auch in der Hand etwas hergibt. Die erste Pressung ist ausverkauft, eine Nachpressung läuft. Das Album lebt analog weiter.

Chris produziert Evolver bewusst als Album, in einer Zeit, in der jeder Marketing-Profi sagt, du sollst Singles im Vier-Wochen-Takt veröffentlichen, weil das der Algorithmus liebt. Auf Evolver sind vier oder fünf Tracks, die als 12-Inch nie veröffentlicht worden wären, die nur durch die Album-Idee überhaupt existieren. Genau das ist für ihn der Punkt. Der Prozess ist das eigentliche Produkt, und ein Album zwingt dich in einen Prozess, der größer ist als der einzelne Track.
Die ganze Folge gibt es jetzt auf YouTube und Spotify. Wenn dir der SINEE Cast gefällt, abonniere die Reihe, lass einen Kommentar da und sag uns, welchen Gast du als Nächstes hören willst. Die nächste Folge erscheint in zwei Wochen, donnerstags um 18:30 Uhr. Wie immer.